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02.08.2007 13:42

Strammstehen für Putin

In der russischen Jugendbewegung Naschi keimen großrussischer Stolz - und Antipathien gegen den Westen. Mehr als 10 000 Aktivisten treffen sich diesen Sommer am Seliger-See zu einem "Bildungsmegaprojekt". Was lernen sie dort?
[Von Manfred Quiring]

Getrappel nähert sich, wird immer lauter. Brechen Pferde, Rinder oder Rentiere los? Nein, es sind Tausende, meist in rote T-Shirts gewandete Jugendliche, die zu ihrem allmorgendlichen Lauf am malerischen Seliger-See aufbrechen, eine Wolke aufgewirbelten Staubs hinter sich lassend.

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Eben noch hat Wassili Jakemenko, der Chef der Putin-Jugendorganisation Naschi, den Tag mit einer kurzen anfeuernden Rede eingeleitet, die Aufgaben des Tages erläutert und zu Eifer und Disziplin im Interesse des Vaterlandes gemahnt. Jetzt führt er höchstselbst den Lauf zur Körperertüchtigung an.

Für die weiblichen Teilnehmer am Projekt "Seliger-2007" dröhnt auf dem Platz vor der Hauptbühne lockere russische Discomusik, auch "Popsa" genannt. Die Mädchen hüpfen im Rhythmus, immer die Losungen auf der Bühnendekoration im Auge: "Modernisierung des Landes" und "Schutz der Souveränität". Ein Stück weiter hängt ein Transparent, auf dem versichert wird, dass der "estnische Faschismus" nicht durchkäme. Steht das kleine Land der Esten mit seinen 1,5 Millionen Einwohnern bereit, um nach dem Streit um das Tallinner Kriegerdenkmal nun auch über Russland mit seinen 145 Millionen Einwohnern herzufallen?

Mehr als 10 000 Jugendliche aus allen Teilen Russlands nehmen in diesem Jahr an dem "Bildungsmegaprojekt" (Eigenwerbung) teil, das die russische Jugendbewegung Naschi - auf Deutsch: "Die Unsrigen" - bereits zum dritten Mal auf die Beine gestellt hat. Es ist eine organisatorisch grandiose, inhaltlich aber gruselige, weil auf Gehirnwäsche ausgerichtete Veranstaltung, die dem Besucher völlig offen und unverklemmt präsentiert wird.

Kirill, der 21-jährige Landvermesser aus Lipezk, hockt erwartungsvoll auf seinem Sitzkissen. Gleich wird ein Lektor ihm und weiteren 200 Jugendlichen erläutern, was Patriotismus ist und wozu er gut ist. Parallel dazu sprechen Politologen in anderen Zelten über die Ukraine, die von einem mit amerikanischen Geldern bezahlten Okkupationsregime beherrscht werde, und über die Nato, die schon bald die ukrainische Armee im Irak zur Schlachtbank führen wolle. Bildungsminister Andrej Fursenko referiert an dem Tag über die "Entwicklungsstrategie der Hochschulbildung Russlands im Kontext weltweiter Tendenzen".

Kirill hat sich für das Thema Patriotismus entschieden, weil es ein für ihn persönlich wichtiges Thema sei. "Diese Erkenntnisse kann ich künftig für mich anwenden und für mein Land insgesamt", versichert er flüssig nach einwöchiger Schulung.

Diszipliniert haben die Zuhörer zuvor am Zelteingang ihre Badges, die jeder umgehängt bei sich führen muss, an ein elektronisches Gerät gehalten. Das registriert die in den Karten enthaltenen Chips und übermittelt die Daten an die Zentrale. Die Lagerleitung weiß am Abend genau, wer sich wann wo aufgehalten und wer an welchen Veranstaltungen teilgenommen hat. Teilnahmeverweigerung bringt Minuspunkte und kann im schlimmsten Fall zum Ausschluss aus dem zweiwöchigen Sommerlager führen. 200 Teilnehmer hat es bereits getroffen, allerdings war da oft auch der verbotene Alkohol im Spiel. Der Ausschluss wird durchaus als harte Strafe verstanden, denn der Zulauf zum Sommerlager ist groß. Die Begeisterung auch. Die Mischung aus hochkarätig besetzten Lektionen, Besuchen hochrangiger Politiker wie der beiden ersten Vizepremiers Sergej Iwanow und Dmitri Medwedjew, aus Popmusik und Lagerromantik kommt gut an.

Jelena Sidnjewa (21), Studentin der Journalistik in Iwanowo, ist schon das zweite Mal am Seliger-See und findet es einfach wunderbar. "Hier kann man mit Freunden aus verschiedenen Städten reden, hier gibt es ein exzellentes Bildungsprogramm." Führende Historiker, Politologen, Wissenschaftler und Vertreter großer Unternehmen kämen an den See. "Hier kann man einen Platz für ein Praktikum oder einen Arbeitsplatz finden", denn es gebe sogar Jobbörsen, berichtet die Studentin fröhlich. Wer sich in der Naschi-Organisation bewährt, wer gar zum Rang eines Kommissars aufsteigt, kann sich deren Unterstützung auch in Bildungs- und Karrierefragen sicher sein.

Während wir Kirill im Gedränge aus den Augen verlieren, bleiben uns Jelena und ihre Freundin Julia, eine 19-jährige Pädagogikstudentin, erhalten. Sie sind abgestellt zur Betreuung der ausländischen Korrespondenten, denen sie im Verlauf des Tages nicht von der Seite weichen werden, deren Fragen sie freundlich und zügig beantworten. Unter dem allgegenwärtigen Slogan "Modernisierung" versteht Jelena vor allem die "kadermäßige Modernisierung". Die Organisatoren von "Seliger-2007" sprechen gar von einer "Kaderrevolution", die es in diesem und im kommenden Jahr herbeizuführen gelte. "National orientierte Manager", die hier im Lager am See ihre grundlegenden Werte - antiwestlich und großrussisch - erwerben, müssten Schlüsselpositionen in Wirtschaft und Politik einnehmen. Naschi schickt sich an zu einem Marsch durch die Institutionen, um den obwaltenden Merkantilismus durch einen patriotischen Geist auf allen Ebenen der Verwaltung und der Ökonomie zu ersetzen. Ein an sich verständliches Unterfangen angesichts der Korruption russischer Staatsbediensteter, wäre da nicht der großrussische Touch, das Liebäugeln mit der Weltherrschaft, das die jungen Politaktivisten umtreibt. Und die primitive Agitation, die US-Präsident George W. Bush mit Saddam Hussein vergleicht und dabei den Diktator zum besseren Menschen macht oder dem G-8-Gipfel von Heiligendamm mal eben gut 80 Tote unterschiebt, die es angeblich bei den Auseinandersetzungen der deutschen Polizei mit Globalisierungsgegnern gegeben haben soll.

Das Ziel von Naschi sei nicht mehr und nicht weniger, als "Russland zum globalen Führer des 21. Jahrhunderts zu machen", sagt die blonde Jelena lächelnd, während wir uns durch das dichte Gedränge des Lagerlebens schieben. Der Wald ist vom verwehten Qualm der Lagerfeuer durchzogen, auf denen der Frühstückstee bereitet wird.

Aber nicht durch den Besitz von Atomwaffen wolle Russland sein Ziel erreichen, wie Jelena eifrig hinzufügt, sondern durch sein kulturelles und intellektuelles Potenzial. Später steht sie, offensichtlich peinlich berührt, vor einem großen Plakat, auf dem die Losung von der "souveränen Demokratie" mit Abbildungen von Topol-M-Raketen illustriert ist.

Glaubt man den Agitationsmitteln, die am Seliger-See praktisch überall präsent sind, ist Russlands Souveränität in größter Gefahr. Sie gilt es zu schützen, ist eine der Hauptforderungen an die Naschi-Mitglieder. Vor wem? Jelena weiß die flinke Antwort: "Vor dem aggressiven Einfluss des Westens." Die Nato nähere sich den Grenzen Russlands, bei Russlands Nachbarn Ukraine und Georgien ereigneten sich Orangefarbene Revolutionen. Jelena nennt diese Ereignisse "Machtwechsel mit schmutzigen Mitteln". "Das", sagt sie, die Stirn in ernsthafte Falten legend, "werden wir in unserem Land nicht zulassen, wir müssen unser Land schützen und seine Macht bewahren. Russland soll von seinem eigenen Volk geführt werden, nicht von Marionetten Amerikas."

Nein, bisher habe es globale Gefahren für die russische Souveränität noch nicht gegeben, räumt sie ein. "Aber wenn es mal so weit kommen sollte, dann werden wir alles in unseren Kräften Stehende tun, um dem zu widerstehen."

Die perfiden Typen, die dem russischen Volk ans Leder wollen, werden auf der "Straße der roten Laternen"; einem hölzernen Weg in der Mitte des Lagers, vorgeführt. Hier kommen die Naschi-Mitglieder mehrmals täglich an den Abbildern jener vorbei, die sie für die Kostgänger der Amerikaner - beim sowjetischen Komsomol hieß es "amerikanischer Imperialismus" - halten. Die Porträts von Ex-Premier Michail Kassjanow, Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow und dem Nationalbolschewisten Eduard Limonow wurden in aufreizenden Fotos von Prostituierten hineinkopiert. Kasparow, Chef der Bewegung "Das andere Russland", die sich für eine Demokratisierung des Landes einsetzt, wird als "Edelprostituierte" vorgeführt, die auch den amerikanischen Präsidenten "bediene". Er habe dem amerikanischen Volk die bedingungslose Treue geschworen und arbeite für bare Dollars.

Alexander, einer der Vorbeikommenden, hält das für erwiesen. "Unsere Organisation beobachtet die Medien sehr genau, wir haben unsere Informationen", versichert er. Die Quelle für Kasparows "Amerikatreue": die rätselhafte, angeblich aus Österreich stammende Zeitung "Der Velte". Sollten Leute wie Kasparow an die Macht gelangen, bedeute dies das Ende des aufblühenden Landes, meint Naschi.

Die Sommergäste, meist aus der Provinz angereist, können sich schon mal ein Bild von Russlands Zukunft machen, sollte dieser Fall eintreten. Zerfallende Holzhütten, zwischen denen sich Müll breit macht, Betonplatten, von Stacheldraht umgeben - das alles trägt die Bezeichnung "Das andere Russland". So heißt auch die von Kasparow geführte Bewegung. Jelena, die bestellte Lagerbilderklärerin, nimmt auch diese Installation für bare Münze. "Wenn wir 2008 nicht den richtigen starken Führer wählen, wenn wir unter die Fuchtel des Westens geraten, wird Russland so aussehen", glaubt sie.

Aber dagegen gibt es ja das Militär! Im Speziallager "Unsere Armee", wo der Tagesablauf dem in der Armee entspricht, wird für die Streitkräfte geworben, die durch die sogenannte Djedowschtschina, ein schikanöses System aus Zucht und Erniedrigung, schwer in Verruf geraten sind. Wehrpflichtigen wird das Programm "Sieben Schritte zu einem großen Russland" angeboten, das sie auf ihrem Weg durch den unbeliebten Wehrdienst begleitet, erläutert der 18-jährige Aschot Grigorjew die säuberlich aufgereihten Schautafeln. Die verlockende Zielprämie: ein Studienplatz an der Verwaltungshochschule und ein lukrativer, sicherer Arbeitsplatz, an dem der Ex-Soldat - Schritt sieben - "für das Wohl und die Größe seines Landes wirkt", agitiert Aschot.

Doch Größe und eine starke Armee sind ohne eine gesunde demografische Entwicklung illusorisch, wissen auch "Die Unsrigen". Fröhliches "Vermehren" ist deshalb angesagt. Das ist "angenehm und nützlich", steht auf dem T-Shirt, das sich eine hübsche Blondine übergestreift hat. 25 Paare nahmen das am vergangenen Sonntag wörtlich und veranstalteten eine Massenhochzeit. Anschließend bezogen die Jungvermählten ihr eigenes Zeltdorf. Das Ehepaar Wolny ließ auf einem Papierherz wissen, "wir wollen nicht weniger als zehn Kinder". Denn, so warnt ein handgemaltes Schild: "Wenn wir uns nicht vermehren, sterben wir aus wie die Mammuts."

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