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pinolino
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20.08.2007 16:10

Jugendliebe

David war ein Junge aus Marzahn, der mit seinen Eltern und seiner Schwester zusammen in einem großen Hochhaus in der vierten Etage wohnte. Das Haus besaß zwei Fahrstühle, da es achtzehn Stockwerke hatte und viele Familien dort lebten. Obwohl David im vierten Stockwerk wohnte, benutzte er liebend gern den Fahrstuhl, um bis nach ganz oben zu fahren. Wenn sich dann die Fahrstuhltüren öffneten, flitzte er flink um die Ecke, rannte den Flur entlang bis zur Glastür, die auf den Balkon führte, und stieß diese freudig auf. Plötzlich wehte ihm ein frischer Wind um die Nase. Schwalben und Mauersegler drehten ihre Runden, jagten sich gegenseitig oder versuchten Insekten zu fangen. Manchmal konnte er auch den Turmfalken erblicken, wie er mit Eleganz durch die Lüfte flog, und seinen lieblich markerschütternden Schrei hören. Hier oben fühlte er sich normalerweise so frei, von allen Sorgen befreit und dem Himmel zum Greifen nah. Doch an jenem Tag war sein Herz bedrückt. Sein Verstand schien wie benebelt. Er konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.
Langsam und vorsichtig beugte er sich über die metallene Brüstung. Die Aussicht von dort war atemberaubend. In der Ferne konnte er leicht den Kienberg erkennen, und wenn er sich etwas weiter nach rechts drehte, ragte der Turm vom Schloss Biesdorf über den Bäumen des Parks empor. Bei gutem Wetter, wenn die Sicht glasklar war, glaubte er dort im Osten sogar bis zur nächst größeren Stadt blicken zu können.
Nachdem nun einige Minuten vergangen waren, hatte ihn der frische Wind so ausgekühlt, dass er wie gewöhnlich beschloss, für den Rückweg nach unten die Treppe zu benutzen. Quietschend öffnete er die andere Glastür, die zum Treppenaufgang führte. Mit einem Ruck fiel sie hinter ihm zu und er begann, erst jede Stufe einzeln, dann zwei oder drei Stufen gleichzeitig nehmend, die Treppe hinabzulaufen. Am Ende eines Absatzes schaffte er mit einem großen Sprung vier oder fünf Stufen auf einmal. Dieses Spielchen forttreibend gelangte er völlig erschöpft und außer Atem in die vierte Etage. Mit letzter Kraft riss er die Glastüren auf, lief den Flur entlang, bog rechts ab und stand vor der Wohnungseingangstür.
Gekonnt zog er den mit einem Band an seiner Hose befestigten Schlüssel aus der Hosentasche, erwischte sofort den Passenden, drehte ihn im Türschloss nach rechts und öffnete die Tür. Die Schuhe zog er auf dem Fußabtreter aus, bevor er mit diesen in der einen Hand den Eingangsflur betrat und mit der anderen die Tür hinter sich schloss. Er stellte die Schuhe links neben dem kleinen Schränkchen ab und hängte seine Jacke auf einen Bügel an der Garderobe. Währenddessen winselte ein kleiner weißer Hund schwanzwackelnd um ihn herum und freute sich, dass er wieder nach Hause gekommen war. David kniete sich zu ihm hernieder und streichelte ihm über sein leicht gelocktes weiches Fell. Daraufhin tanzte das kleine Wollknäuel um ihn herum und durch seine Beine hindurch. Nach einiger Zeit hatte er sich beruhigt, und David schickte ihn nach dieser intensiven Begrüßung zurück in sein Körbchen, dass gleich rechts am Eingang in die Küche stand. Auf der anderen Seite auf der breiten Holzverkleidung stand ein Vogelkäfig. Darin zwitscherte quicklebendig und vergnügt ein blauweißer Wellensittich. David ging an den Kühlschrank und holte sich etwas zu Trinken, um nach dem rasanten Treppenlauf wieder zu Kräften zu kommen. Auf dem Weg in sein Zimmer, musste er zuerst durch die Wohnstube und traf dort auf seine Eltern, die ihn sogleich anschimpften, weil er wieder so spät und völlig verschwitzt nach Hause gekommen war. David ignorierte sie einfach und gelangte durch den zweiten langen Flur, links das Schlafzimmer der Eltern, rechts zuerst das Bad und danach die Wäschekammer passierend, in sein kleines Reich. Seine Mutter hatte während er abwesend war das Fenster groß aufgerissen, so dass es furchtbar kalt war. Zu allem Überdruss drang von draußen der Geruch von Zwiebelsuppe hinein. Sofort schloss David das Fenster und warf dabei noch einen Blick in die Küche, die sich gleich rechtwinklig an sein Zimmer anschloss. Da kam gerade sein Vater in die Küche, bemerkte ihn jedoch nicht. David vermutete, dass dieser ekelhafte Zwiebelgeruch sicherlich von irgendwelchen Untermietern kam. Er riskierte einen Blick nach unten, konnte den Verursacher jedoch nicht orten. In diesem Moment liefen ein paar Leute über den Hinterhof, die vom Parkplatz aus durch den Hintereingang in das Nachbarhochhaus gingen. David kannte sie nicht, hatte sie vorher noch nie gesehen, was aber auch bei zwei riesigen Hochhäusern, eines mit einundzwanzig und das, wo er wohnte, mit achtzehn Stockwerken, nicht verwunderlich erscheint. Pro Etage wohnten acht Familien, so dass etwa vierhundert Personen in einem Haus lebten, was schon der Einwohnerzahl eines größeren Dorfes entspricht. Aber es gab auch Menschen, die er recht gut kannte, so zum Beispiel einige Mitschüler. Ein Mädchen wohnte im selben Haus nur zwei Etagen tiefer, also in der zweiten. Eine andere Mitschülerin lebte in der anderen Hälfte des Doppelhochhauses gleich nebenan in der selben Etage. In der Wohnung darunter wohnte seine Mathelehrerin. Außerdem waren der nette Polizist von nebenan, seine Russischlehrerin, die rundliche Küchenfrau, Kindergartenfreunde und viele andere in dem Haus einquartiert.
David hatte das Fenster geschlossen, zog die Gardine davor und setzte sich an seinen Schreibtisch, der direkt am Fenster stand, und fing an, noch ein paar Hausaufgaben zu erledigen. Einige Matheaufgaben musste er noch rechnen, obwohl er sich gar nicht darauf konzentrieren konnte. Normalerweise hatte er stets viel Spaß daran, an kniffligen Aufgaben zu knobeln. Doch nicht an diesem Tag. Immer wieder kam ihm dieses eine Mädchen in den Sinn, das er nicht vergessen konnte. Es war schon einige Wochen her, seit er sie kennen gelernt hat, und trotzdem war er wieder aufgeregt, wenn er sie wiedersah. Es war das erste Mal, dass er für ein Mädchen solche Gefühle entwickelt hatte. Viele unbeantwortete Fragen schossen ihm durch den Kopf. Wann würde er sie wiedersehen? Heute? Morgen? Würde sie seine Gefühle erwidern?
In Gedanken versunken trat seine Mutter in das Zimmer. Er drehte sich erschrocken herum und versuchte normal zu wirken, um seiner Mutter keinen Hinweis auf seine tatsächlichen Gefühle zu geben. Sie sagte zu ihm, dass er jetzt baden gehen sollte, denn es wurde draußen schon bald dunkel. Außerdem roch er auch nicht sehr angenehm. Ohne Widerrede zog sich David aus und ging dann ins Bad, ließ die Badewanne halb mit warmem Wasser vollaufen und legte sich dann gemütlich hinein. Nach einer halben Stunde des Entspannens war das Wasser schon sehr abgekühlt, und David zog den Stöpsel, so dass das Wasser langsam durch den Abfluss abfließen konnte. Er trocknete sich ab und zog dann seinen Schlafanzug an. Die Uhr schlug fast sechs Uhr abends, so dass es Zeit wurde, in die Küche zum Abendessen zu gehen. Der Tisch war schon fast fertig gedeckt, nur noch Wurst und Butter fehlten. Das Papprollo wurde an der Balkontür und an den Fenstern heruntergelassen, um neugierigen Augen den Blick auf diese gemütliche Szenerie zu verbieten. Dann setzte sich die gesamte Familie an den Tisch während draußen die Kirchenglocken den Abend einläuteten. Der kleine Hund saß unter dem Tisch und wartete darauf, dass für ihn ein kleiner Happen Käse abfiel. Hatte er erst einmal ein Stückchen bekommen, so hoffte er auf weitere Gaben, die jedoch meist ausblieben. Zu diesem Zeitpunkt kehrte er dann brav in sein Körbchen zurück und legte sich zufrieden hin, um von dort das abendliche Geschehen zu betrachten.
Von Liebeskummer und Sehnsüchten geplagt, begab sich David nach dem Abendbrot sofort ins Bett, um an diesem Abend seinen Gedanken und Erinnerungen freien Lauf lassen zu können. Er legte sich hin, setzte seinen Kopfhörer auf und hörte noch ein wenig Musik, bis die Töne leiser wurden, allmählich verschwammen und letztendlich verstummten.

Am nächsten Morgen wurde er von wärmenden Sonnenstrahlen geweckt. Verschlafen schob er seine Decke beiseite, richtete sich langsam auf und öffnete vorsichtig die Augen. Allmählich gewöhnten sie sich an das helle Licht, und er stand auf und zog sich an. Danach schlürfte er ins Bad, um sich den morgendlichen Schlaf aus den Augen zu waschen. Nach dem Zähneputzen ging er in die Küche, um Frühstück zu essen und sich zwei Stullen für den Tag zu schmieren. Eigentlich hätte ihm auch eine Brotscheibe gereicht, doch seine Eltern bestanden darauf, weil er angeblich so dünn war wie eine Nudel.
Er streichelte zum Abschied den kleinen Hund, packte dann seine Schultasche und machte sich kurz vor halb acht auf den Weg in die Schule. Dazu benutzte er den Treppenaufgang und ging dann aus dem Hinterausgang hinaus. Der Weg war nicht sehr weit, denn er musste nur hinter dem Haus einmal rechts abbiegen und dann fünfzig Meter gerade aus. Schon befand er sich vor dem Eingang zum Schulhof. Es war sehr still auf dem Hof. Gemütlich schritt er voran in Richtung Schulgebäude. Die Türen waren schon aufgeschlossen, so dass er ohne weiteres die große schwere Tür öffnen konnte. Zuerst stand Englisch auf dem Stundenplan. Also musste David bis nach oben in die vierte Etage, wo sich der Lehrraum für Englisch befand. Als er bei dem Klassenzimmer ankam, zeigte die Uhr kurz nach halb acht. Die Tür zu dem Zimmer war noch verschlossen. Der lange Flur der oberen Etage war gänzlich leer. Wie jeden morgen setzte sich David dann auf den Fußboden vor dem Raum und erledigte noch die letzten kleinen Hausaufgaben. Er übersetzte noch den letzten Satz der Englischhausaufgabe, als er Geräusche von der Treppe hörte. Aufmerksam lauschte er und stellte fest, dass die Person im Moment auf die dritte Etage zusteuerte. Dann verhallten die Schritte. Also kam immer noch niemand, um den Raum aufzuschließen. Er beendete den letzten Satz und räumte seine Sachen wieder in die Tasche. Dann richtete er sich auf und drehte sich zum Fenster um, so dass er einen guten Blick auf den Schulhof hate, um die kommenden Schüler und Lehrer zu beobachten.
Nach und nach trafen vereinzelt die Lehrer ein und dazwischen auch kleine Gruppen von Schülern. Da erkannte David, dass gerade sein Banknachbar Andre und sein bester Freund Oliver über den Hof laufen. Andre war ziemlich früh dran, eigentlich sogar viel zu früh. Normalerweise erschien er immer erst zwei Minuten vor Unterrichtsbeginn. Vermutlich hatte er Oliver zu Hause abgeholt, weil ihm noch eine Hausaufgabe gefehlt hatte. Als die beiden oben angekommen waren, begrüßten sich alle gegenseitig. Wie vermutet, erkundigte sich Andre auch bei David nach den Mathehausaufgaben. Andre erzählte stolz, dass er die Englischaufgaben schon habe, nämlich von Oliver, und ihm jetzt nur noch Mathe fehlen würde. Da David ein hilfsbereiter Junge war und eine freundliche Bitte nie abschlagen konnte, gewährte er ihm und holte seine Lösungen aus der Mappe. Andre verkroch sich damit unauffällig in die nächste Ecke und begann eifrig die Lösungen abzuschreiben.
Währenddessen unterhielt sich David ein bisschen mit Oliver. Er war besonders an Neuigkeiten über Claudia interessiert. Alles hatte auf dem Geburtstag von Oliver im Mai angefangen. Oliver hatte ihn eingeladen, da David sein bester Freund war, und er hatte natürlich die Einladung mit Freuden angenommen. Oliver hatte auch noch zwei weitere Freunde eingeladen, einmal Mark, den er noch aus dem Sandkasten kannte, und Daniel, einen weiteren Mitschüler, mit dem man viel Spaß haben konnte. An dem gleichen Tag hatte aber auch Olivers Schwester Geburtstag, die wiederum drei Gäste einladen durfte, allesamt Mädchen. Somit ergab sich mit Olivers Bruder und seinen Eltern eine Gesellschaft von elf Personen, die an dieser Geburtstagsfeier teilnahmen. Die Feier fand bei Oliver zu Hause in einer 5-Raum-Wohnung im Elfgeschossner statt.
David machte sich kurz vor drei auf den zehnminütigen Weg zu Oliver. Er hatte ein Buch als kleines Geschenk mitgebracht. Als David über den Parkplatz kam, sah er schon in der achten Etage auf dem Balkon Olivers Eltern stehen, die ihm zuwinkten. David freute sich, winkte zurück und legte auf den letzten Metern einen Schritt zu. Er drückte die Klingel und kurz darauf erklang Olivers blecherne Stimme durch den Lautsprecher. Der Türöffner surrte und David gelangte durch das Treppenhaus zum Fahrstuhl. Dieser war aber gerade eben losgefahren, so dass er den Knopf betätigte und dann einen Moment wartete. Währenddessen klackte die Hauseingangstür erneut und kichernde Stimmen waren zu hören. David kannte die beiden Mädchen nicht und versuchte, sie nicht zu beobachten. Stille umgab ihn und die Mädchen tuschelten leise miteinander. Endlich kam der Fahrstuhl. David öffnete die eine Tür, schob die zweite Tür auf, betrat den Fahrstuhl und drückte den Knopf für die achte Etage. Die Mädchen taten es ihm gleich, vergaßen aber wohl das gewünschte Stockwerk zu wählen. Der Fahrstuhl begann sich knarrend in Bewegung zu setzen. David starrte während der gesamten Fahrt auf die Anzeige ... zwei ... drei ... vier ... Es kam ihm unendlich vor. Seine Anspannung wuchs, denn er wollte direkten Augenkontakt vermeiden. Doch dann geschah es, und er verlor nur einen kurzen Augenblick die Kontrolle. Er blickte in diese wunderschönen dunklen Augen. Sie glänzten in dem fahlen Licht, das von der Fahrstuhldecke herabfiel, und es verlieh ihnen einen Ausdruck von Eleganz. Ihr schulterlanges dunkelbraunes Haar lag weich über ihren Schultern. Sie erwiderte seinen Blick mit einem zaghaften Lächeln und alle Sorgen waren vergessen. Da stand sie nun vor ihm, zum Greifen nah, ein wahrhaft göttliches Geschöpf, doch er stand nur da und bekam keinen Ton heraus. Plötzlich ruckte es kurz und der Fahrstuhl kam zum stehen. Sie drehte sich um, öffnete die Tür und schwebte davon. David war in diesem Moment so verwirrt und fassungslos, dass er fast vergessen hätte, aus dem Fahrstuhl auszusteigen. Wer war dieses Mädchen? Woher kam sie und wo wollte sie hin?
Auf dem Etagenflur herrschte beim Eintreffen plötzlich ein mächtiges Durcheinander. Als er auf die Wohnungstür zuging, stand diese schon offen. David musste feststellen, dass die beiden Mädchen zum Geburtstag von Olivers Schwester gekommen waren. Die Tür stand immer noch sperrangelweit offen, so dass er unbemerkt mit hineinschlüpfen konnte. Er schloss die Tür hinter sich, stellte die Schuhe im Abstellraum ab und lief den langen Flur entlang zu Olivers Zimmer. Dabei kam er an dem Zimmer von dessen Schwester vorbei, und lugte kurz hinein. Da sah er sie. Sie war also tatsächlich eine Freundin von der Schwester seines besten Freundes. Frohen Mutes ging er weiter bis zum Ende des Ganges und bog dann nach rechts ab. Oliver saß auf seinem Bett und spielte mit seiner Konsole. Als er David erblickte, drückte er schnell die Pause-Taste, legte das Gamepad beiseite und begrüßte ihn. Daraufhin beglückwünschte David ihn und überreichte ihm das Geschenk. Oliver zögerte keinen Augenblick und fetzte die Verpackung mit Spannung auf. Freudestrahlend hielt er ein Buch in der Hand. Es war ein Krimi. Er nahm das Buch und legte es zu den anderen Geschenken. Danach wandte er sich wieder seinem Spiel zu, nahm das Gamepad in die Hand und daddelte weiter. David setzte sich neben ihm aufs Bett und sah ihm dabei gespannt zu.
Nach und nach trafen immer mehr Leute ein, und als alle vollzählig waren, war der Kaffeetisch in der Küche schon vorbereitet. Olivers Mutter lief in jedes Zimmer und rief die Gäste in die Küche. Die Mädchen waren zuerst dort und konnten sich somit die besten Plätze sichern. David setzte sich neben Oliver. Ganz am anderen Ende saß dieses Mädchen. Sie unterhielt sich angeregt mit ihren Freundinnen. Ab und zu blickte David zu ihr herüber, und manchmal, wenn sie seinen Blick erwiderte, schaute er schnell zur Seite und lief im Gesicht rot an. So verlief es dann auch den ganzen Abend. Einerseits wollte er ihr stundenlang in ihre tiefen dunklen Augen blicken, andererseits war er viel zu schüchtern, um ihr standzuhalten.
David wurde aus seinen Erinnerungen gerissen, als endlich die Tür zum Klassenzimmer aufgeschlossen wurde. Andre hatte inzwischen die Aufgaben abgeschrieben, gab ihm beim Betreten des Raumes seinen Hefter zurück und bedankte sich noch einmal kurz. Mit der Zeit trafen auch die anderen Mitschüler ein und das Klassenzimmer füllte sich. Es klingelte bald zum Unterricht, doch die Zeit verging nur schleppend. Verträumt und abwesend ließ er die Stunden an sich vorüberziehen. Er war in Gedanken immer bei ihr und konnte sich auf keine anderen Aufgaben konzentrieren. Der Nachmittag rückte glücklicherweise immer näher, und damit wuchs seine Hoffnung, sie heute wiederzusehen.
Da klingelte es endlich. Die letzte Schulstunde war vorbei. David packte eilig seine Sachen zusammen, verabredete sich mit Oliver in einer Stunde bei ihm und verließ das Gebäude schleunigst. Nach drei Minuten war er schon wieder zu Hause. Seine Mutter bereitete gerade das Mittagessen vor. Der Tisch war schon gedeckt. Sie sagte ihm, dass es nur noch eine viertel Stunde dauern wird.
David ging in sein Zimmer und schaltete das Radio ein. Dann ließ er sich auf sein Bett fallen, und lauschte der entspannenden Musik. In Gedanken war er wieder ganz weit weg. So kam es, das er die Zeit vergaß und plötzlich seine Mutter im Zimmer stand. Aus seinen Träumen gerissen, musste er feststellen, dass inzwischen über zwanzig Minuten vergangen waren. Noch halb in Gedanken schaltete er das Radio aus und ging in die Küche. Es war schon aufgetischt, und er setzte sich auf seinen Platz. Hastig schlang er sein Essen hinunter und machte sich darauf gleich mit Tischtenniskelle und Ball auf den Weg zu Oliver.
Oliver war allein zu Hause und wartete schon auf ihn. Jeder mit seiner Tischkelle in der Hand machten sie sich auf den Weg zum Innenhof. Dort befand sich ein Spielplatz mit Sandkasten, Rutsche, Klettergerüst und einer Pyramide aus Seilen, die auch zum Klettern gedacht war. Das Ziel der beiden waren aber die zwei Tischtennisplatten, die sich auch dort befanden. Noch waren die Platten leer. Also wählten sie eine Platte aus und begannen sich ein wenig einzuspielen. Sie spielten gerade ein kurzes Match, als weitere Mitspieler mit ihren Tischtenniskellen eintrafen. Der ältere chinesische Herr, der bei gutem Wetter immer erscheint, war auch schon da. Da es nun so viele Mitspieler waren, wurde nicht mehr einer gegen einen, sondern chinesisch gespielt. Das bedeutete, dass zu Beginn einer Runde alle mitspielen durften. Alle Mitspieler liefen dabei um die Tischtennisplatte herum. Wenn dann jemand den Ball verfehlte oder ins Aus schlug, so musste derjenige ausscheiden. Das wurde solange fortgesetzt, bis nur noch zwei Spieler übrig waren, die dann in einem Match gegeneinander antreten mussten und um einen Spielpunkt kämpften. Hatte einer von den beiden gepunktet, so durften wieder alle mitspielen und die nächste Runde begann von Neuem.
Der alte Chinese war wirklich gut und hatte gerade David, der nicht ganz bei der Sache war, mit einem Schmetterball rausgeworfen. Das Spiel ging ohne ihn weiter. David hielt seine Augen offen, da er noch auf Claudia wartete, dieses zauberhafte Mädchen von der Geburtstagsfeier. Sie würde bestimmt wieder mit Olivers Schwester kommen. Die nächste Runde fing an, da erblickte er die beiden in der Ferne auf die Tischtennisplatten zukommen. Innerlich erfreut und aufgeregt versuchte David sich auf das Spiel zu konzentrieren, verlor aber beim ersten Schlag den Ball und war somit schon wieder draußen. Er setzte sich auf die zweite Tischtennisplatte und schaute von dort den anderen zu, wobei sein Augenmerk nur der sich nähernden Claudia galt.
In diesem Moment erreichten die beiden Mädchen seine Tischtennisplatte und setzen sich neben ihn. Olivers Schwester sprach ihn an, und versuchte ihn in ein Gespräch zu verwickeln, doch er antwortete nur mit Nicken oder Kopfschütteln. Claudia lächelte zu ihm herüber und er schmolz dahin. Er wollte sich mit ihr unterhalten, war aber zu verkrampft und bekam kein Wort heraus. Er war so fasziniert von ihrer Schönheit und Vollkommenheit. Diese wahrhaft glänzend leuchtenden Augen hatten es ihm angetan. Von ihrer zarten Haut und dem dunklen Haar kaum zu sprechen. Vollkommen abwesend in einer anderen Dimension klopfte ihm jemand die Schulter. Es war Oliver, der ihn mit zur nächsten Runde aufforderte. Dessen Schwester und Claudia spielten nun auch mit. Stetig bemüht, einmal mit Claudia um den Punkt zu kämpfen, versuchte David sich gegen die anderen Mitspieler durchzusetzen. Und siehe da, es gelang ihm eine gute Angabe und er konnte den alten Chinesen rauswerfen. Dieser lobte ihn sogar, wegen der wirklich guten Angabe. Dadurch angespornt, schaffte es David tatsächlich unter die letzten drei. Oliver und Claudia waren auch noch dabei. Einerseits wollte David so gern gegen Claudia spielen, andererseits würde er auch Oliver den Punkt gönnen, da er bisher nur Vorletzter war. David konnte sich nicht entscheiden und überließ diese Wahl dem Schicksal. Er spielte keine gemeinen Bälle, so dass jeder von den beiden eine gute Chance hatte, um diesen Punkt zu spielen. Oliver hatte die Angabe gemacht und nun rannten die drei eifrig um die Platte herum. Es schien so, als würde es nie enden wollen. Doch da passierte Oliver ein Ungeschick. Er verlor im Eifer des Gefechts seine Tischtenniskelle und der Ball ging verloren. Nun hatte David es tatsächlich geschafft und durfte gegen Claudia antreten. Da beide punktgleich waren, wurde zuerst um die Angabe gespielt. Ein kurzer Ballwechsel und David hatte die Angabe gewonnen. Nun ging es um den entscheidenden Punkt. David legte eine normale Angabe hin, die Claudia mit Leichtigkeit erwidern konnte. Es kam zu einigen Ballwechseln, bis David dann den Ball so schlug, dass er in hohem Bogen auf der anderen Plattenseite aufkam. Für Claudia war das die Chance, einen Schmetterball zu schlagen, und sie nutzte sie. David hatte keine Möglichkeit, den Ball noch zu bekommen. Er war keineswegs enttäuscht darüber. Claudia fragte ihn daraufhin, ob er das mit Absicht getan hätte, doch er entgegnete ihr mit einem zaghaften Lächeln voll Dankbarkeit. Es war für ihn ein unbeschreibliches Gefühl mit Tausenden Schmetterlingen im Bauch, und das Eis schien gebrochen.
Nach dem Spielen kletterten Oliver, seine Schwester, Claudia und David auf die Pyramide aus Seilen, um sich ein wenig auszuruhen. Sie setzten sich dort oben hin und unterhielten sich. Sogar David brachte kleine Wortwechsel mit Claudia zustande. Die Sonne verschwand langsam hinter den großen Neubauten und tauchte die Szenerie in ein weiches rötliches Licht. David schwelgte in dieser romantischen Stimmung und war glücklich. Er hatte es geschafft. Sie saß ihm gegenüber und sah ihm ab und zu in die Augen. So verweilten sie einige Augenblicke, bis es anfing dunkel zu werden. Da machte sich David auf den Heimweg, verabschiedete sich mit einem Lächeln, in der Hoffnung, sie bald wiederzusehen.

So vergingen die Tage und die Wochen. Er traf sie noch mehrmals beim Tischtennis. Manchmal wartete er auf sie, oder beobachtete sie unbemerkt von oben aus dem neunten Stock in Olivers Haus. Selbst beim Einkaufen, in der Apotheke oder in der Bibliothek begegnete er ihr immer wieder, und jedes Mal faszinierte sie ihn aufs Neue.
Sie hatte ihn in ihren Bann gezogen, doch er konnte ihr seine Liebe nicht offen zeigen. Befürchtete er doch von ihr abgewiesen zu werden. So quälte er sich monatelang mit dem Gedanken, sie endlich zu fragen, konnte jedoch weder den richtigen Moment, noch die richtigen Worte dazu finden. Bis er eines Tages auf eine raffinierte Idee kam.

Es war an einem Wochenende. Der Frühling war gekommen und die Pflanzen und Bäume erstrahlten in zartem Grün. Er spazierte zum Springpfuhl, um dort die Natur zu genießen. Der Springpfuhl war ein kleiner Teich im Süden von Marzahn, sehr idyllisch gelegen, umrandet von Bäumen und Sträuchern sowie einem kleinen Park. Er steuerte auf die Holzbrücke zu, die an einer schmalen Stelle über den Teich führte. Von der Brücke aus beobachtete er die Fische und Enten, die darunter hindurch schwammen. Das Ufer war reichlich grün und wurde von einzelnen blühenden Krokussen in den unterschiedlichsten Farben gesäumt. Dazwischen konnte man, wenn man aufmerksam hinblickte, Frösche entdecken, die wild durcheinander quakten. Sogar einige Möwen drehten ihre Runden und landeten dann auf der kleinen Insel mit dem großen Baum, um dort zu verschnaufen.
Durch die Ruhe und Ausgeglichenheit dieses kleinen Biotops inspiriert, kam David der Einfall, dass er ihr ein Gedicht schreiben sollte, ein Gedicht, das nur ihr gewidmet war, um ihr zu zeigen wie sehr er sie doch mochte, ja sogar liebte.
Er fand einen geeigneten Platz am Ufer des Springpfuhls, geschützt unter einer Trauerweide. Er setzte sich dort hin und ließ seine Beine über den Uferrand baumeln. Dann zog er Zettel und Bleistift aus seiner Jackentasche und begann das Liebesgedicht an Claudia zu schreiben. Er gab dem Gedicht schlicht und einfach den Titel „Sie“. Sie, die ihm alle Sinne geraubt hatte. Sie, die ihm nicht mehr aus dem Schädel ging. Sie, die so vollkommen und wunderschön war.
Das Liebesgedicht wuchs Strophe um Strophe, bis es zum Schluss aus sechs Strophen zu je sechs Zeilen bestand. David las sich das vollendete Werk noch einmal durch und war mit seinem Erschaffenen sehr zufrieden. Es spiegelte exakt seine Gefühle für sie wieder. Um das Gedicht abzurunden, schrieb er dazu noch einen kleinen Brief, steckte Beides in einen Briefumschlag und klebte ihn zu.
Nun musste er ihr nur noch irgendwie den Brief übergeben. Weil er nicht wusste, in welcher Straße und welchem Haus sie wohnte, konnte er ihr den Liebesbrief nicht per Post zusenden. Er wollte ihr den Brief auch lieber nicht persönlich übergeben, denn er wusste nicht, wie sie reagieren würde.
So kam es, dass er den Brief an seinen besten Freund Oliver weitergab. Der übergab den Brief seiner Schwester, die wiederum den Brief an Claudia weiterleitete.
Wenige Tage später kam eine Nachricht über selbem Wege zurück. David war immerhin froh, dass er eine Antwort bekommen hatte. Aufgeregt hielt er den Brief in den Händen. Mit zittrigen Fingern riss er ihn auf, faltete das Blatt auseinander und las.
Mit jedem Satz, den er las, schwand seine Hoffnung. Das Gedicht hatte ihr wirklich gefallen. Sie fand es sogar lustig, und die Idee mit dem Liebesbrief war echt süß, aber leider wollte sie nichts von ihm wissen. Traurig und enttäuscht stand er da, den Tränen nahe. Nun hatte er die Gewissheit, dass sie sich für ihn nicht interessierte. Es vergingen Wochen, gewiss sogar Monate, in denen er Tausende Tränen in einsamen Stunden vergoss, bis der Schmerz allmählich nachließ.

Seit jenem Tag in seinem Leben wusste er, dass Liebe und Leid nah beieinander liegen.

Viele Jahre vergingen und vieles änderte sich. David zog mit seiner Familie aus dem Hochhaus aus, blieb aber seinem Heimatbezirk Marzahn treu. Auch Claudia verschwand irgendwann vollständig aus seinem Leben, und er hatte nie mehr etwas von ihr gehört, geschweige denn gesehen. Auch im Bezirk vollzogen sich Veränderungen. Das Hochhaus wurde abgerissen. Ein Stück Jugend ging damit verloren, und vieles geriet in Vergessenheit. Nur Eines nicht – die Erinnerung an seine erste große Liebe.

[Veröffentlichung in der Anthologie "Verliebt in Berlin" bei BOD]

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27.12.2006 15:16

Lauras Reise Teil 2

Das Mädchen blickte ihn skeptisch an und hoffte nur, dass er keine bösen Absichten hegte. Als der Mann ihr erschrockenes Gesicht sah, versuchte er die Situation aufzuklären.
"Ich habe einen schrecklichen Krampf im Nacken, wärst du so nett mir den Rücken zu massieren?"
Er legte sich auf das weiche Bett und wartete auf die Antwort des Mädchens.
Sie war noch immer verunsichert, ob sie es wirklich tun sollte.
Sie tat es einfach, er war doch eigentlich so nett zu ihr.
Also setzte sie sich auf seinen festen Hintern und begann seinen Rücken zu massieren.

Bald taten ihr aber davon die Hände weh. Es wurde ihr zu langweilig und außerdem hatte sie keine Lust mehr auf sein Gestöhne. Also wollte sie das die beiden etwas anderes zusammen machten. Sie schlug vor, dass sie beide zusammen ein Film anschauen könnten.
Aber sie sah kein Fernsehgerät im Turmzimmer. Doch ihr Wunsch sollte erfüllt werden. Er stand auf und holte einen Apparat ins Zimmer und einen DVD-Spieler.
Er hatte zwei DVDs zur Auswahl, und sie entschied sich für „Susi und Strolch“. Weil er nur die beiden DVDs gefunden hatte. Die eine war ein brutaler Film, den wollte er ihr nicht antun. Und darum musste es „Susi und Strolch“ sein.
Doch irgendwas fehlte ihr immer noch. Sie wollte jetzt unbedingt Popcorn haben. Doch wo sollte er denn nun auf die schnelle Popcorn her bekommen?

Zufällig hatte er im Auto unten eine Popcornmaschine. Also rannte er die Stufen runter und holte sie schnell aus dem Kofferraum. Oben wieder angekommen, bekam er einen Schock, denn das Mädel war auf dem Bett eingeschlafen.
Er schaute sie an, wie sie da mit ihren langen schwarzen Haaren lag und schlief.
Er ging zu ihr, setzte sich neben sie und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht.

So wie sie da vor ihm lag, sah sie aus wie ein schöner Engel. Er beobachtete sie und sah ihr mit einem Lächeln beim Schlafen zu. Am liebsten wollte er nun wissen, was sie träumte. So wie sie lächelte, musste es ein schöner Traum sein. Sollte er sie wecken oder schlafen lassen? Er dachte eine Weile darüber nach, bis sie auf einmal ihre Arme nach ihm ausstreckte und ihn an sich zog.
Leise hauchte sie einen Namen: "Antonio".
Er hieß aber nicht Antonio. Wen meinte sie bloß?
Und was sollte er nun machen?
Sie zog ihn an sich, doch er konnte sich nicht freuen. Wer war nur Antonio? Er schaute sie immer wieder an, wie sie neben ihm lag, bis er sich zu ihr legte und in ihren Armen einschlief.

Als er wieder erwachte, sah er sich im Raum um, konnte sie aber nirgends entdecken. Hatte er alles nur geträumt?
Er stand auf und plötzlich fiel ein Zettel vor ihm herunter.
Auf dem Zettel stand:
„Die Nacht war sehr schön ... aber ich muss jetzt gehen. Bitte suche nicht nach mir, denn du wirst mich nicht finden. Ich bin es nicht wert ... dass man sich mit mir einlässt ... denn so nett wie ich ausschaue bin ich nicht ... ich habe auch meine Familie. Wie soll ich das meinen Mann und den Kindern erklären? Also suche mich nicht!“

Er las den Zettel immer wieder und fragte sich quälend, was sie damit nur gemeint haben könnte. Heißt es nicht in einem Sprichwort, wer suchet, der findet?
Die komischen Zeilen von ihr ließen ihm keine Ruhe und unzählige Fragen schossen ihm in den Kopf. War Antonio ihr Ehemann? Warum ist sie dann zu ihm ins Auto gestiegen? Nach endloser Gedankendiskussion kam er letztlich zu folgendem Entschluss:
Ich muss sie finden!

Er hatte doch noch so viele offene Fragen an sie! Doch wie sollte er sie nur finden? Mit einer Portion Glück, und wenn er die Straße im Auge behalten würde, wo er sie aufgegabelt hatte... Aber er konnte doch nicht die ganze Zeit über an dieser einen Straße stehen, Löcher in die Weltgeschichte starren und warten. Also überlegte er sich eine gewiefte Strategie, wie er sie am besten finden sollte! Er entschloss sich, Flyer an die Ampeln zu heften, denn irgend jemand muss sie doch außer ihm gesehen haben und kennen!

Er fuhr nach Hause und begann die Zettelchen zu gestalten. Doch da stand er schon vor dem nächsten großen Problem. Was sollte er bitte auf die Flyer schreiben? Er wusste nicht einmal ihren Namen... Also schrieb er folgendes:
„Ich suche die Unbekannte, mit der ich im Turm im Bett lag... Die Unbekannte, mit der ich vorher „Susi und Strolch“ gesehen habe... und ... und ... und ... ...die mich mit ihren schwarzen langen Haaren so fasziniert hat. Bitte melde dich bei mir! Ich habe muss dich wieder sehen!“
Natürlich hoffte er, dass sie sich rasch melden würde, doch nach zwei Wochen gab er die Hoffnung auf.

Bis plötzlich ein Anruf kam und sich eine Frau meldete:
"Hallo, ich heiße Heidi. Ich bin die Freundin von der Unbekannten, die du suchst. Sie hat mir von ihrem Abenteuer erzählt. Und da habe ich diesen Flyer entdeckt..."
Er überlegte kurz und erwiderte:
"Woher soll ich wissen, dass sie es wirklich sind?"
Sie überlegte kurz und meinte dann:
„Weil ich sonst nicht wissen würde, dass sie Popcorn holen wollten...“
"Gut, gut.“, sagte er, „ich glaube ihnen. Wie heißt ihre Freundin, und wo kann ich sie finden?"
Heidi sagte mit matter Stimme:
„Das wird schwer. Sie will sie nicht sehen.“
„Aber es muss doch eine Chance geben, damit ich sie wieder sehen kann!", erwiderte er besorgt.
„Ja die gibt es. Seien sie morgen in der Ambulanz der Uniklinik. Sie arbeitet dort als Krankenschwester. Vielleicht haben sie eine Chance sie abzufangen...“
Dann legte sie auf.

Er machte sich viele Gedanken. Sollte er einfach so im Krankenhaus auftauchen? Oder sollte er mit einem Grund hingehen?
Aber was für ein Grund sollte er denn angeben, um in die Ambulanz zu gelangen?
Aber da er gut im Simulieren von Krankheiten war, dachte er sich, er könnte erzählen, dass er Herzrasen habe. Und so viel geschwindelt war es dann auch nicht, da er wegen der gesuchten Frau wahnsinniges Herzrasen bekam.
Er freute sich mit gemischten Gefühlen auf den neuen Morgen. Unklar war, was er ihr erzählen sollte? Und wie würde sie darauf reagieren?
Mit diesen Gedanken schlief er ein...

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16.11.2006 13:19

Lauras Reise

Es geschah an einem verregneten Montagmorgen in einem Dorf am Rande des Waldes. Laura verließ das alte Haus. Sie hatte das Klingeln ihres Weckers überhört und musste sich beeilen, denn sie hatte eine Sitzung beim Zahnbehandler. Schon bei dem Gedanken daran lief ihr ein eiskalter Schauer über den Rücken. Was würde dieser Teufel nur diesmal mit ihr anstellen wollen? Sie wollte ihre Zähne bis zum Tode behalten. Doch wenn es nach ihm ginge, würde er ihr am liebsten sofort jeden einzelnen herausreißen.
In Angst versunken eilte sie weiter. Der Regen peitschte ihr entgegen und sie wischte sich mit ihrer linken Hand die strähnigen Haare aus dem Gesicht. Die Tropfen rannen über ihre Stirn, liefen über den Nasenrücken und perlten von ihrer Stupsnase ab. Auf ihrer Jacke angekommen, vereinigten sich einzelne Tropfen zu schmalen Bächen und flossen geradewegs talabwärts. Am unteren Ende der Jacke, wo sich die Bänder zum Zuschnüren befanden, stürzte ein Wasserfall auf die Erde nieder.
Auf dem Teerpflaster herrschte reges Treiben, das Laura kaum wahrnahm, da sie in Gedanken schon auf dem Höllenstuhl saß. Ohne auf ihren Schutz im Verkehr zu achten, überquerte sie schnurstracks den platt getretenen Zebrastreifen. Ihr Haupt hielt sie gesenkt und zählte: „Weiß, schwarz, weiß, schwarz, weiß, ...“ Ein himmlisches Hornsignal ertönte. Erschrocken blieb Laura auf dem Zebra stehen, neigte ihren Kopf zur Seite und erblickte zwei Lichter. Sie näherten sich rasend schnell in Zeitlupe. Quietschende Reifen. Ein Meter. Fünfzig Zentimeter. Zwanzig Zentimeter. Zehn Zentimeter. Fünf Zentimeter. Zwei Zentimeter. Halt. Das Gefährt hielt knapp vor ihr. Sie versank für einen Moment im Nebel und der Geruch von Gummi schwebte durch die Luft. Der Fahrer kurbelte seine Fensterscheibe herunter. Ein netter Mann streckte seinen Kopf heraus und fragte Laura, ob sie in Ordnung sei, und ob er sie ein Stückchen mitnehmen könnte.
Laura blickte ihn mit weit aufgerissenen Augen an und zögerte einen Moment. Verunsichert stand sie am Straßenrand, wie ein sechsjähriges Mädchen, das von einem Fremden einen Lolli angeboten bekam. In Lauras Kopf setzten sich die Zahnräder in Bewegung und sie wog Gut gegen Böse ab. Sollte sie wirklich zu ihm einsteigen? Er hätte sie um ein Haar platt gefahren? Der gut gebaute süße Typ könnte gefährlich sein? Doch wie ihr Großvater immer zu sagen pflegte: „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.“
Dann sah sie sich den Kerl noch einmal ganz genau an. Sie musterte ihn vom Scheitel bis zur Sohle. Eigentlich wäre es doch eine nette Entschädigung?
Darum beschloss sie, sein Angebot anzunehmen und in den Wagen zu steigen. Sie öffnete die Tür, setzte sich neben ihm auf den Beifahrersitz und schnallte sich an. Sofort trat der junge Mann auf das Gaspedal und brauste davon. Sie schaute ihn mit ihren braunen Augen fragend an: "Wohin soll die Reise gehen?"
"Lass dich überraschen!", antwortete der Mann grinsend.
Sie fuhren immer schneller und immer weiter fort von dem Dorf und dem Wald, wo Laura aufgewachsen war.
„Wohin will der Mann nur mit mir?“, dachte sie sich während sie den Sonnenschutz herunterklappte. Auf der Rückseite befand sich ein vergoldeter Spiegel, in dem sie ihre nassen Haare wieder zurecht schieben konnte. Aus ihrer Handtasche zückte sie das Schminktäschchen mit Lidschatten, Lippenstift, Schere, Puder, ... und war etliche Stunden beschäftigt.

Die Strasse schlängelte sich einen Berg bis zur Spitze hinauf. Oben angekommen hielten sie an. Er stieg aus und nahm sie bei ihrer Hand. Sie zögerte, doch er griff fester zu und zog sie hinter sich her. Er erklomm mit ihr die Stufen einer Festung und gemeinsam erreichten sie die Turmspitze...

Die Aussicht von oben war umwerfend. Dort gab es lauter Berge und grüne Wiesen.
Die Turmspitze war auch wirklich schön möbliert.
Aber was ihr merkwürdig erschien, war das riesige Bett in der Mitte der Turmspitze. Warum hatte er sie an genau diesen Ort gebracht? Was hatte er geplant?

Eine Fortsetzung folgt demnächst ... sofern denn gewünscht.

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10.11.2006 18:14

Unbefriedigt

Lichtenberg. Samstag Nachmittag. Kurz nach Drei. Ich lege einen Zwischenstopp ein, verlasse meine Bahn und laufe die Weitlingstraße herunter. Zwei Saiten meiner Gitarre sind gerissen. Die A- und die D-Saite. Mein Ziel ist das kleine Musikgeschäft.
Auf den Bürgersteigen liegen in regelmäßigen Abständen fein säuberlich angeordnete Häufchen aus Hundekot. Das Profil eines schweren Schuhs zeichnet sich ab. Männlich.
Die Rollläden sind heruntergelassen. "We are closed" steht auf einem Schildchen an der Tür. Die Öffnungszeiten verraten, dass bereits vor einer Stunde das Wochenende eingeläutet wurde. Verdammt.
Enttäuscht kehre ich auf der Stelle um und frage mich, ob ich einen Ausflug auf das Land angetreten habe. Das Wetter stimmt. Es ist herbstlich kühl. Der neue Pullover mit der russischen Aufschrift Champion leistet meisterhafte Dienste.

Um mich meines Frustes über den fehlgeschlagenen Kauf zu trösten, beginne ich in der Bahnhofshalle zwischen den reduzierten Büchern zu wühlen. Mangelware.
Der Reiseführer aus St. Petersburg springt mir ins Auge. Warum konnte es nicht Moskau sein? Den hätte ich sofort genommen. Ich setze die Suche fort. Die Verkäuferin stellt ein weiteres Buch hinzu, lächelt mich an, sagt etwas zu mir. Ich verstehe kein Wort. Meine Ohren hängen seit zwei Minuten zehn Meter entfernt an der Telefonzelle.
"Sie brauchen eine Genehmigung. Sie brauchen eine Genehmigung!", hallt es wider und wieder aus dem Mund der schwarz gelockten Frau. Ein alter Mann mit einer Plastiktüte, aus der die kleinen Preise zu springen drohen, steht mit gesenktem Kopf vor ihr. Er brabbelt unverständlich. Die Frau läßt nicht ab.
"Wenn sie auf dem Bahnhof Flaschen sammeln, benötigen sie eine Genehmigung. Das ist verboten!"
Ich bin unkonzentriert, während die Fingerspitzen über die Buchrücken gleiten. Im Sekundentakt wende ich mich, um nicht das Finale der Auseinandersetzung zu verpassen. Die schwarz gelockte Frau trägt keine Uniform. Kein Bahnhofspersonal. Von Befugnis und Kommandoton ganz zu schweigen.
Der alte Mann will weiter. Flaschen und Dosen aus Mülleimern sammeln, damit die kleinen Münzen aus seinem Beutel in die Gelbörse springen. Die Konkurrenz schläft nicht. Das Geschäft ist hart.
Die Frau gibt endlich nach. Sie bittet den Alten morgen um die gleiche Zeit dort zu sein. Dann werde sie mit einem Kamerateam kommen. Sie wolle auf diese Situation aufmerksam machen.
"Versprechen sie es?" Der alte Mann nickt stumm. Die Frau verschwindet. Selbst von hinten ist ihm die Erleichterung an seinen Schultern abzulesen. Er zieht eine Sonnenbrille auf und schlurft davon.
Ich stehe mit leeren Händen da. Unbefriedigt.

In der Mitte des Bahnsteiges warte ich auf den nächsten Zug. Der Herbstwind fegt über den Boden. Ich halte meine Hände tief in den Hosentaschen versteckt.
Der Alte ist da, klappert jeden Mülleimer ab. Rot. Grün. Blau. Gelb. Während er sich hinab beugt, nimmt er die Brille mit den großen dunklen Gläsern von der Nase, lugt in das Innere der Tonne, greift hinein und zaubert eine Plastikflasche hervor. 25 Cent. Er verstaut sie in der Tüte und setzt die Sonnenbrille auf.
Ich warte. Wann kommt der nächste Zug? Auf der Bahnhofsuhr sitzen zwei Tauben, vergnügen und besteigen sich. Gegurre. Geflatter. Turteltäubchen. Befriedigend.
Ratternd hält die Bahn Einzug.
"Zurückbleiben, bitte!"

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30.10.2006 16:27

Philipp und der grüne Ball

Philipp fegte den Strand entlang und wirbelte hinter sich eine kleine Staubwolke auf. Lachend schallend spielte er mit seinem grünen Ball, den ihm sein Vater geschenkt hatte.
Das war ein wundervoller Sonntag am Meer. Die Sonne schien so warm auf die Haut, dass es zu Kribbeln begann. Und der Himmel war so blau wie seine Lieblingseissorte. Dafür würde Philipp sogar jeden Abend freiwillig um Acht zu Bett gehen, wenn er zuvor eine Kugel Schlumpfeis bekäme.
Er tobte am Wasser hin und her und schoss seinen grünen Ball mit aller Kraft in den blauen Himmel. Im hohen Bogen flog der Ball davon, als handelte es sich um einen Vogel. Philipp sah ihm erstaunt nach. Und rannte hinterher. Da geriet er ins Wanken, stolperte über eine Sandburg und fiel der Länge lang zu Boden. Vor Schreck hatte er seinen Mund ganz weit aufgerissen und war mit der Nase genau im großen Sandturm gelandet.
Das war ekelhaft. Unzählige Sandkörner klebten auf seiner Zunge, und es knirschte zwischen den Zähnen. Vergebens versuchte er den Sand mit den Fingern aus dem Mund zu pulen.
Aber wo war denn nur sein grüner Ball geblieben? Entsetzt fuhr Philipp auf und blickte in alle Himmelsrichtungen. Wo ist der grüne Ball?
Philipp entdeckte weit draußen auf dem Meer einen winzigen grünen Punkt. Aber sein Ball war doch viel größer? Enttäuscht schaute er drein.
Mit herunterhängenden Schultern schlurfte er zurück zu seinem Vater. Er war so traurig über diesen Verlust. Doch sein Vater versuchte ihn zu trösten, indem er ihm sogar eine doppelte Portion Schlumpfeis versprach. Aber Philipp war damit nicht zufrieden, denn womit sollte er nun spielen?
Der Vater zog Philipp zu sich heran und drückte ihn ganz fest. Er wuschelte mit der Hand durch sein braunes Haar und sagte sogleich, dass er sofort am Montag einen neuen Ball kaufen würde. Einen noch viel viel schöneren. In ganz blauem Schlumpfblau.
Da leuchteten die Augen vom kleinen Philipp auf, und er begann wieder zu lachen. Wann ist denn endlich Montag?

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26.10.2006 13:01

Niemand ist eine Insel?

Wie alles vor vielen vielen hundert Jahren begann. Damals gab es eine große Insel, die in einem riesigen weiten Ozean schwamm. Sie war umgeben von dem tiefen Blau und den Wogen der Nässe. Auf dieser Insel lebten die Menschen. Sie wuchsen allmählich heran, es bildeten sich kleine und grosse Grüppchen. Aber es gab auch viele unter ihnen, die ganz allein lebten.
Eines Tages, als die Menschen eine gewisse Reife erreicht hatten und sich neue Ziele setzten, kam es zu Konflikten und Streit. Jeder besaß sein eigenes Ziel. Und obwohl sie alle im Grunde das Gleiche vor Augen hatten, die Liebe, so wählte doch jeder seinen eigenen Weg. Und da sich keine gemeinsame Lösung finden ließ, zerbrach die Insel in viele tausend Stücke.
Zurück blieb nur der Kern, als großes Ganzes, der die Kinder und Heranwachsenden beherbergte. Die anderen trieben auf ihren Schollen hinaus in die Weiten des Meeres. Stets auf der Suche...

Aber es gab sogar einige Schollen, auf denen zwei Menschen einen Platz gefunden hatten. Sie sahen glücklich aus. Doch wie kam es dazu?
Es war die Jugendliebe ... man sah es daran, dass deren beider Schollen nur mit einem dünnen morschen Strick verbunden waren. Lange würde er nicht den Gemeinheiten des Ozeans stand halten. Nur die wenigsten schafften es ... zogen die Stricke immer fester, entdeckten gemeinsam neue Wege, um miteinander durch das Leben zu treiben...

Die Mehrheit war immer noch einsam unterwegs ... aber im Ozean gab es genügend Treibgut, dass sich die Cleveren zu Nutze machten. Einige fischten Äste aus dem Wasser, und wenn eine andere Scholle vorbeitrieb, streckten sie ihnen den Ast entgegen. Und wenn der andere seine Chance erkannte, wahrnahm und nach dem Zweig des Glückes packte, so fanden sie zueinander. Dann konnten auch sie ihre Schollen miteinander verbinden.
Einige waren sogar so erfinderisch, dass sie die Schollen so fest zusammenschweißten, dass sie nie mehr getrennt würden. Andere waren sehr leichtsinnig, nahmen nur einen zaghaften Bindfaden, der schon bei der kleinsten Woge zerriss und die Schollen auseinander trieb. Trauer umgab sie dann. Manchmal.

Aber die Hoffnung keimte immer wieder auf. Es wurde aufs Neue versucht, einen Partner zu finden. Manchmal konnte es schon an Verzweiflung grenzen, an Zufall oder Schicksal ... und so kam es, dass sich auch gleichgeschlechtliche Paare fanden, wenn gerade zufällig eine Scholle vorüber trieb. Aber wenn die Liebe erst einmal gefunden ist und verbindet, dann läßt sie sich nicht so schnell wieder los.

Und mit der Zeit gab es immer mehr Paare. Einige Schollen wuchsen mehr und mehr und bildeten schon wieder kleine Inseln, wenn sich Nachwuchs ankündigte...

Doch was geschah mit jenen, die keinen Rettungsanker fanden, keinen Strick hatten, mit dem sie sich woanders binden konnten? Die immer zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort auftauchten, oder zu unaufmerksam waren und eine Chance verpassten? Wenn ihnen jemand eine Eisenstange hinhielt, sie aber träumten, am Kopf getroffen wurden und bewusstlos zu Boden fielen...
Und wenn sie wieder erwachten, fanden sie sich an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit. Nur eines war gleich geblieben. Sie waren immer noch einsam, einsam und allein. Und immer auf der Suche. Nach Liebe...

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26.10.2006 12:48

Das Märchen vom Zauberer und der Prinzessin

Es war einmal… vor vielen, vielen Jahren in einem kleinen abgelegenen Dorf am Fuße eines Berges. Dort lebte eine hübsche Prinzessin. Sie war im ganzen Land für ihr fröhliches Wesen und ihre wundervolle Haarpracht bekannt. Doch verbrachte sie ihr Leben Tag für Tag sehr zurückgezogen in ihren Zimmern und schrieb. Das Schreiben von Briefen bereitete ihr so viel Freude, dass sie glaubte ein glückliches Dasein zu führen.
Eines Tages erhielt sie Post von einem Zauberer. Er wohnte einige Ländereien entfernt in einer großen Stadt. Sie waren beide sehr neugierig aufeinander, da sie doch aus völlig verschiedenen Welten stammten. Es war der Reiz des Neuen, des Ungewissen, der sie stundenlang miteinander beschäftigte, ohne zu langweilen.
Und so wurde die Verbindung zwischen ihnen immer intensiver und enger. Bis sie es eines Tages vor Sehnsucht kaum noch aushielten und beschlossen einander zu treffen. Der Zauberer schwang sich auf sein edles Ross und ritt in Windeseile zu ihr.
Als er am vereinbarten geheimen Treffpunkt eintraf, stand sie schon da unter einer alten Eiche, geschützt vor dem herabfallenden Regen. Sie umarmten sich, und sie wies ihm den Weg in ihre Gemächer. Er war beeindruckt von allem. Von der Natürlichkeit der Natur und der Prinzessin. Ihre Schönheit und Fröhlichkeit. Ihr Lachen. Ihre Offenheit.

Fernab aller Befürchtungen, die sie zuvor gehegt hatten, einander möglicherweise nicht zu verstehen und in Gram und Zank zu verfallen, verstanden sie sich großartig. Es gab für den Zauberer viel zu entdecken. Vor einigen Jahren als Kind war er schon einmal dort gewesen. Und vielleicht waren sie sich damals über den Weg gelaufen, ohne es zu wissen, und nun hatte das Schicksal ihre Wege zusammen geführt.
Es war ein ganz besonderer Tag, der am Abend mit einem großen Festmahl gefeiert wurde. Kugelrund und zufrieden endeten wundervolle Stunden im gemeinsamen Bett.
Nur die Schüchternheit und die Befremdlichkeit, mit einem anderen im Bett zu liegen, verbot es ihnen, einander näher zu kommen. So lag der Zauberer ganz links an der Wand, während die Prinzessin am rechten Rand des Bettes schlief.

Der nächste Morgen begann mit strahlendem Sonnenschein, der über die Bergkuppe und durch die Wipfel der Bäume in das kleine Küchenfenster strahlte. Sie spannten die Pferde vor den Wagen und begaben sich in die nächste Stadt. Gemeinsam erklommen sie den Turm einer Kirche und schwebten über den Wolken. Atemberaubend schön.
Mittags kehrten sie in ein altes Wirtshaus ein. Und hätte man nicht gewusst, dass sie Freunde sind, so hätte man glauben können, sie wären ein Paar. Ein ganz besonderes.
Am Abend wurde mit der Kutsche Ziel auf ein verrücktes Tanzlokal genommen. Wild sprangen sie zum Rhythmus der Musik. Sie strahlten auf ihren Gesichtern. Der Schweiß rann über ihre Leiber. Sie genossen jeden Augenblick in vollen Zügen.
Doch die Nacht war noch nicht zu Ende. Alsbald begann die Morgendämmerung, als sie in das Bett fielen und ewig redeten. Ein schier endloses Gespräch. Es knisterte in der Luft. Das Atmen viel schwer. Die Stimmen waren klar und sanft. Die Prinzessin rückte ein Stück näher. Der Zauberer tat es ihr gleich. Und ehe sie sich versahen, lagen sie Gesicht an Gesicht. Das Atmen wurde lauter und intensiv. Sie spürten einander, ohne sich zu berühren. Der Zauberer nahm ihren lieblichen Geruch wahr, konnte nicht genug von ihr bekommen. Diese Spannung und das Kribbeln zwischen ihnen stiegen ins Unermessliche. Sie lagen nebeneinander. Ganz dicht. Ihre Nasenspitzen berührten sich für einen kurzen Moment. Das Herz der Prinzessin begann zu rasen.
Mit seinen magischen Händen begann der Zauberer sie sanft im Nacken zu kraulen. Er fuhr ihr vorsichtig durch ihre langen Haare, streichelte sanft ihr Ohr und strich zart über ihre Wange. Durch die geschlossenen Fensterläden war es so dunkel, das sie einander nicht sehen konnten. Sie fühlten. Ein Gefühl, das wahnsinnig machte. So intensiv und aufregend.
Er legte den Arm auf ihre Schulter und wollte sie halten. Sie ganz nah spüren. Doch in diesem Moment erschrak sie:
„Was hast du vor? “ fragte sie mit ernster Stimme.
Der Zauberer war überrascht, glaubte zu weit gegangen zu sein, und antwortete:
„Mit dir kuscheln…“
Dann lagen sie eine Weile da. Stumm. Noch immer schwer atmend. Doch der Zauberer hatte all seinen Mut verloren, er konnte nicht mehr weiter gehen. Er vermutete, sie würde es nicht wollen. Und wenn das ihr Wunsch war, dann sollte es so sein.
Die Prinzessin lag zurückhaltend neben ihm, berührte ihn nicht, als hätte sie Angst davor. Der Zauberer hatte seine Magie in die Wagschale geworfen, doch seine Kraft vermochte es nicht, sie zu verzaubern. Sie lagen noch ein Weilchen nebeneinander. Allmählich löste sich die Umarmung, die Lider wurden müde und beide versanken in einen tiefen glücklichen Schlaf.

Der neue Tag begann schleppend. Der Zauberer war müde von der letzten Nacht. Kaum aus dem Bett zum Essen aufgestanden, fiel er danach wieder hinein vor Kälte. Und vielleicht vor Einsamkeit. Ihm war bewusst geworden, wie allein er doch war.
Seine Prinzessin hielt sich in einem anderen Zimmer auf, war beschäftigt, und er wollte sie nicht stören. Sie wollte sicherlich auch ihre Ruhe haben und ungestört ihren Dingen nachgehen. Und da ihm das Haus und die Umgebung fremd waren, wusste er nichts Besseres zu tun, als zu dösen.
Der Tag endete, und es wurde Nacht. Etwas war geschehen. Seine Prinzessin kam ins Bett, doch von der Wärme und Nähe am Vortag war nichts mehr zu spüren. Sie klemmte sich wieder an den Bettrand. Er spürte dies, drehte sich zur Wand und dachte nach. Er konnte nicht einschlafen, tausend Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Er spielte noch einmal die Szenerie der letzten Nacht durch… bis er mit Tränen in den Augen seinen Schlaf fand.

Ein neuer hoffnungsvoller Morgen brach an. Aber sie schwand in Windeseile. Die Prinzessin verkündete ihm, dass sie nicht mit ihm reisen könne, so wie es vereinbart worden war. So gern wäre sie mit ihm gekommen, doch sie konnte nicht.
Der Zauberer war arg traurig, doch konnte er ihre Gründe verstehen. Er grübelte über die Ereignisse der vergangenen Tage nach, und kam zu dem Entschluss, mit ihr allein reden zu wollen. Eine gute Gelegenheit würde sich in dem Bad ergeben. Doch er ahnte es schon. Es fiel aus. Stattdessen wollten sie gemeinsam durch den Wald spazieren. Und der Zauberer dachte sich, dann dort mit ihr reden zu können.
Aber wie das Schicksal so spielte, waren sie nicht allein. Sie wurde von ihren Eltern begleitet. Und als sich viel später eine Gelegenheit bot, wusste der Zauberer nicht mehr, worüber er mit ihr reden wollte. War es gut so? Seine Sorgen waren verflogen. Denn es war ein wunderschöner Nachmittag. Sie lachten wieder zusammen, freuten einander. Die Prinzessin ärgerte ihn auch liebend gern, nur im Scherzen. Und der Zauberer stieg mit ein. Sie alberten herum, jagten einander, pieksten in die Rippen und kitzelten sich. Wie ein Liebespaar. Oder wie Geschwister. Aber für diesen Moment war alles andere egal. Nur sie beide zählten. Sie waren fröhlich. Sie waren glücklich.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sehen sie einander wieder...

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26.10.2006 12:39

Neustart

Die Neonbeleuchtung des Hausflures war kühl. Das Licht flackerte hin und wieder auf, als würde es sich dagegen aufzubäumen versuchen, endgültig seinen Geist aufzugeben. Surrende und klickende Geräusche, die dem Knacken der Knochen eines alten Mannes gleich kamen, hallten von den flachen Wänden wider. Ich kramte in meiner Tasche nach dem Schlüssel, und versuchte ihn mit Mühe in das Schlüsselloch einzuführen. Die schwere Tür öffnete sich, während ein Schatten durch das Zimmer huschte. Ich betrat meine Wohnung und Enge umklammerte mein Herz. So viele Erinnerungen lebten in diesen vier Wänden, dass es mir schier die Luft zum Atmen raubte. Schwindelkeit stieg in mir auf. Meine linke Hand krallte sich an den Spiegel, um Halt zu finden.
Was für ein abscheuliches Ding erwiderte meinen Blick? Zwei eingefallene Augen. Erfüllt von Trauer. Hoffnungslosigkeit. Die Haare vollkommen zerzaust. Die roten Bartstoppeln schauderhaft. Das Gesicht aufgequollen von schlaflosen und mit Tränen erfüllten Nächten. Die Zähne vergilbt und ein zerknautschtes Lächeln aufgesetzt. Ich sah einfach nur grässlich aus. Eine bemitleidenswerte Kreatur. Zum Fortlaufen.

Ich sagte zu mir, so könne es nicht weiter gehen! Ich müsse etwas Grundlegendes in meinem Leben verändern!

Im Wohnzimmer standen meine wenigen Habseligkeiten in Kisten verpackt. Innerhalb der letzten Wochen hatte sich darauf eine dicke Staubschicht gebildet. Auf dem Fußboden verstreut lagen Zeitungen. In allen hatte ich die Kontaktanzeigen ausführlich studiert und Unmengen an Briefen geschrieben. Ich hatte jede, die von mir Post bekam, mit einem Rotstift markiert. Es waren etliche, ich vermochte sie kaum zu zählen. Doch die Zeitungen vergilbten langsam im gleißenden Sonnenlicht. Die Farben verblassten. Die Konturen verschwammen.

Ich sagte zu mir, es wäre endlich die Zeit gekommen, wieder Ordnung in mein Leben zu bringen!

Der Lichtschalter zur Küche war klebrig und ließ mich für mehrere Sekunden an diesem Fleck verharren, bis sich meine Katze bemerkbar machte, indem sie ihre Schüssel umwarf. Zeit fürs Essen.
Lustlos holte ich die angebrochene Tüte mit Katzenfutter unter der Spüle hervor. Es stank bestialisch daraus. Ich schüttete ein wenig in die Schüssel und stellte sie auf das Fensterbrett. Mit einem Satz sprang die Katze hinterher und schlug sich den Bauch voll.
Ich öffnete das Fenster. Von draußen quoll stickige Stadtluft herein. Ich starrte in die Ferne. Ein leerer Blick. Ach, wie hatten mich meine Freunde damals um diese Aussicht beneidet. Und erst diese fantastische Wohnung zu so günstigen Konditionen in bester Lage. Pah, und wo sind sie nun meine Freunde? Im Stich gelassen haben sie mich. Es zählt doch nur das Geld! Warum sollte man sich um einen Menschen wie mich sorgen und kümmern? Und alles, ohne je einen einzigen Cent dabei zu verdienen?

Ich sagte zu mir, ich müsse ganz von vorn beginnen. Neue Freunde. Ein komplett neuer Anfang!

Ein Vogel kreiste vor dem Fenster. Die Katze schlich über das Fensterbrett und ging in Angriffsstellung. Sie streckte ihre Pfote aus, um dem Vogel im Vorbeiflug einen Schlag zu verpassen. Sie stellte sich dabei so ungeschickt an, dass ich schon sah, wie sie in die Tiefe herab stürzen würde. Einundzwanzig Stockwerke. Eine grausame Vorstellung.
In diesem Moment fasste ich einen Entschluss! Wenn mir schon niemand Zuneigung und Hilfe spendet, so könnte ich doch wenigstens für andere da sein.
Selbstlos beugte ich mich aus dem Fenster, um die Katze zu retten.

Ich sagte zu mir, jetzt oder nie!

Die Autos, die Menschen, die Bäume wuchsen zunehmend. Ich drehte mich im Kreis. Oben war unten und unten war oben. Lärm und Getöse schwallte mir entgegen. Es dröhnte und hämmerte in mein Hirn.
Ich hielt mir die Ohren zu, so fest ich konnte. Ich presste meine Daumen in die Ohrmuschel bis warme Flüssigkeit hervor schoss - erst die Daumen, dann meine Hände und schließlich meine Arme herunter lief. Die Klänge wurden dumpfer. Dann verstummten sie endgültig.Eine helle Stimme sprach zu mir. Sie war glasklar und so rein, wie nur die Stimme eines Engels sein konnte. Die Worte waren warm und süß. Unverbrauchte Worte. Sie sprachen von Liebe. Das, was ich mein Leben lang suchte.
Und in jenem Moment hatte ich alles, wonach ich mich jemals gesehnt.Ein strahlendes Lächeln überzog mein Gesicht. Ein Glücksgefühl durchzuckte meinen Körper.

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26.10.2006 12:35

Liebe

Und wieder ging die Sonne auf. Die goldenen Strahlen durchbrachen den Wolkenhimmel und versetzten sie zurück in vergangene Zeiten. Der Frühling brach an und ließ seinen Charme entfalten. Frisches Grün. Liebliche Düfte. Fröhlicher Vogelsang.
Gemeinsam saßen sie am Ufer des Sees. Er hatte ihr seine Jacke umgelegt, um sie vor der Kühle des Morgens zu schützen. Er hielt sie fest im Arm. Sie schmiegte sich an ihn. Sie schwelgten in Gedanken und benötigten keinerlei Worte um sich zu verständigen. Blicke. Sie wollten diese friedliche Ruhe nicht stören. Das Gras knisterte im Wind. Ein Fisch platschte durch das Wasser.
Er wischte ihr sanft den Schlaf aus den Augen. Sie blinzelte ihn an und lächelte. Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange. Er errötete, sah hinaus auf den See. Schwäne zogen durch die Weiten. Ein Pärchen. Unzertrennlich. Er wandte sich wieder zu ihr.
Sie hatte ihn die ganze Zeit angesehen, seine Reaktionen genau beobachtet und sie sich eingeprägt. Für die Ewigkeit, die ewige Erinnerung. Er faßte all seinen Mut zusammen und gab ihr einen Kuss auf den Mund. Sie verharrten. Sekunden? Minuten? Die Zeit schien still zu stehen. Dann ließ sie von ihm ab. Atmen. Dabei schmeckte es so gut.

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