10.11.2006 18:14
Unbefriedigt
Lichtenberg. Samstag Nachmittag. Kurz nach Drei. Ich lege einen Zwischenstopp ein, verlasse meine Bahn und laufe die Weitlingstraße herunter. Zwei Saiten meiner Gitarre sind gerissen. Die A- und die D-Saite. Mein Ziel ist das kleine Musikgeschäft.
Auf den Bürgersteigen liegen in regelmäßigen Abständen fein säuberlich angeordnete Häufchen aus Hundekot. Das Profil eines schweren Schuhs zeichnet sich ab. Männlich.
Die Rollläden sind heruntergelassen. "We are closed" steht auf einem Schildchen an der Tür. Die Öffnungszeiten verraten, dass bereits vor einer Stunde das Wochenende eingeläutet wurde. Verdammt.
Enttäuscht kehre ich auf der Stelle um und frage mich, ob ich einen Ausflug auf das Land angetreten habe. Das Wetter stimmt. Es ist herbstlich kühl. Der neue Pullover mit der russischen Aufschrift Champion leistet meisterhafte Dienste.
Um mich meines Frustes über den fehlgeschlagenen Kauf zu trösten, beginne ich in der Bahnhofshalle zwischen den reduzierten Büchern zu wühlen. Mangelware.
Der Reiseführer aus St. Petersburg springt mir ins Auge. Warum konnte es nicht Moskau sein? Den hätte ich sofort genommen. Ich setze die Suche fort. Die Verkäuferin stellt ein weiteres Buch hinzu, lächelt mich an, sagt etwas zu mir. Ich verstehe kein Wort. Meine Ohren hängen seit zwei Minuten zehn Meter entfernt an der Telefonzelle.
"Sie brauchen eine Genehmigung. Sie brauchen eine Genehmigung!", hallt es wider und wieder aus dem Mund der schwarz gelockten Frau. Ein alter Mann mit einer Plastiktüte, aus der die kleinen Preise zu springen drohen, steht mit gesenktem Kopf vor ihr. Er brabbelt unverständlich. Die Frau läßt nicht ab.
"Wenn sie auf dem Bahnhof Flaschen sammeln, benötigen sie eine Genehmigung. Das ist verboten!"
Ich bin unkonzentriert, während die Fingerspitzen über die Buchrücken gleiten. Im Sekundentakt wende ich mich, um nicht das Finale der Auseinandersetzung zu verpassen. Die schwarz gelockte Frau trägt keine Uniform. Kein Bahnhofspersonal. Von Befugnis und Kommandoton ganz zu schweigen.
Der alte Mann will weiter. Flaschen und Dosen aus Mülleimern sammeln, damit die kleinen Münzen aus seinem Beutel in die Gelbörse springen. Die Konkurrenz schläft nicht. Das Geschäft ist hart.
Die Frau gibt endlich nach. Sie bittet den Alten morgen um die gleiche Zeit dort zu sein. Dann werde sie mit einem Kamerateam kommen. Sie wolle auf diese Situation aufmerksam machen.
"Versprechen sie es?"
Der alte Mann nickt stumm. Die Frau verschwindet. Selbst von hinten ist ihm die Erleichterung an seinen Schultern abzulesen. Er zieht eine Sonnenbrille auf und schlurft davon.
Ich stehe mit leeren Händen da. Unbefriedigt.
In der Mitte des Bahnsteiges warte ich auf den nächsten Zug. Der Herbstwind fegt über den Boden. Ich halte meine Hände tief in den Hosentaschen versteckt.
Der Alte ist da, klappert jeden Mülleimer ab. Rot. Grün. Blau. Gelb. Während er sich hinab beugt, nimmt er die Brille mit den großen dunklen Gläsern von der Nase, lugt in das Innere der Tonne, greift hinein und zaubert eine Plastikflasche hervor. 25 Cent. Er verstaut sie in der Tüte und setzt die Sonnenbrille auf.
Ich warte. Wann kommt der nächste Zug? Auf der Bahnhofsuhr sitzen zwei Tauben, vergnügen und besteigen sich. Gegurre. Geflatter. Turteltäubchen. Befriedigend.
Ratternd hält die Bahn Einzug.
"Zurückbleiben, bitte!"