16.11.2006 13:19
Lauras Reise
Es geschah an einem verregneten Montagmorgen in einem Dorf am Rande des Waldes. Laura verließ das alte Haus. Sie hatte das Klingeln ihres Weckers überhört und musste sich beeilen, denn sie hatte eine Sitzung beim Zahnbehandler. Schon bei dem Gedanken daran lief ihr ein eiskalter Schauer über den Rücken. Was würde dieser Teufel nur diesmal mit ihr anstellen wollen? Sie wollte ihre Zähne bis zum Tode behalten. Doch wenn es nach ihm ginge, würde er ihr am liebsten sofort jeden einzelnen herausreißen.
In Angst versunken eilte sie weiter. Der Regen peitschte ihr entgegen und sie wischte sich mit ihrer linken Hand die strähnigen Haare aus dem Gesicht. Die Tropfen rannen über ihre Stirn, liefen über den Nasenrücken und perlten von ihrer Stupsnase ab. Auf ihrer Jacke angekommen, vereinigten sich einzelne Tropfen zu schmalen Bächen und flossen geradewegs talabwärts. Am unteren Ende der Jacke, wo sich die Bänder zum Zuschnüren befanden, stürzte ein Wasserfall auf die Erde nieder.
Auf dem Teerpflaster herrschte reges Treiben, das Laura kaum wahrnahm, da sie in Gedanken schon auf dem Höllenstuhl saß. Ohne auf ihren Schutz im Verkehr zu achten, überquerte sie schnurstracks den platt getretenen Zebrastreifen. Ihr Haupt hielt sie gesenkt und zählte: „Weiß, schwarz, weiß, schwarz, weiß, ...“
Ein himmlisches Hornsignal ertönte. Erschrocken blieb Laura auf dem Zebra stehen, neigte ihren Kopf zur Seite und erblickte zwei Lichter. Sie näherten sich rasend schnell in Zeitlupe. Quietschende Reifen. Ein Meter. Fünfzig Zentimeter. Zwanzig Zentimeter. Zehn Zentimeter. Fünf Zentimeter. Zwei Zentimeter. Halt. Das Gefährt hielt knapp vor ihr. Sie versank für einen Moment im Nebel und der Geruch von Gummi schwebte durch die Luft. Der Fahrer kurbelte seine Fensterscheibe herunter. Ein netter Mann streckte seinen Kopf heraus und fragte Laura, ob sie in Ordnung sei, und ob er sie ein Stückchen mitnehmen könnte.
Laura blickte ihn mit weit aufgerissenen Augen an und zögerte einen Moment. Verunsichert stand sie am Straßenrand, wie ein sechsjähriges Mädchen, das von einem Fremden einen Lolli angeboten bekam. In Lauras Kopf setzten sich die Zahnräder in Bewegung und sie wog Gut gegen Böse ab. Sollte sie wirklich zu ihm einsteigen? Er hätte sie um ein Haar platt gefahren? Der gut gebaute süße Typ könnte gefährlich sein? Doch wie ihr Großvater immer zu sagen pflegte: „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.“
Dann sah sie sich den Kerl noch einmal ganz genau an. Sie musterte ihn vom Scheitel bis zur Sohle. Eigentlich wäre es doch eine nette Entschädigung?
Darum beschloss sie, sein Angebot anzunehmen und in den Wagen zu steigen. Sie öffnete die Tür, setzte sich neben ihm auf den Beifahrersitz und schnallte sich an. Sofort trat der junge Mann auf das Gaspedal und brauste davon. Sie schaute ihn mit ihren braunen Augen fragend an: "Wohin soll die Reise gehen?"
"Lass dich überraschen!", antwortete der Mann grinsend.
Sie fuhren immer schneller und immer weiter fort von dem Dorf und dem Wald, wo Laura aufgewachsen war.
„Wohin will der Mann nur mit mir?“, dachte sie sich während sie den Sonnenschutz herunterklappte. Auf der Rückseite befand sich ein vergoldeter Spiegel, in dem sie ihre nassen Haare wieder zurecht schieben konnte. Aus ihrer Handtasche zückte sie das Schminktäschchen mit Lidschatten, Lippenstift, Schere, Puder, ... und war etliche Stunden beschäftigt.
Die Strasse schlängelte sich einen Berg bis zur Spitze hinauf. Oben angekommen hielten sie an. Er stieg aus und nahm sie bei ihrer Hand. Sie zögerte, doch er griff fester zu und zog sie hinter sich her. Er erklomm mit ihr die Stufen einer Festung und gemeinsam erreichten sie die Turmspitze...
Die Aussicht von oben war umwerfend. Dort gab es lauter Berge und grüne Wiesen.
Die Turmspitze war auch wirklich schön möbliert.
Aber was ihr merkwürdig erschien, war das riesige Bett in der Mitte der Turmspitze. Warum hatte er sie an genau diesen Ort gebracht? Was hatte er geplant?
Eine Fortsetzung folgt demnächst ... sofern denn gewünscht.