David war ein Junge aus Marzahn, der mit seinen Eltern und seiner
Schwester zusammen in einem großen Hochhaus in der vierten Etage wohnte. Das
Haus besaß zwei Fahrstühle, da es achtzehn Stockwerke hatte und viele Familien
dort lebten. Obwohl David im vierten Stockwerk wohnte, benutzte er liebend gern
den Fahrstuhl, um bis nach ganz oben zu fahren. Wenn sich dann die
Fahrstuhltüren öffneten, flitzte er flink um die Ecke, rannte den Flur entlang
bis zur Glastür, die auf den Balkon führte, und stieß diese freudig auf.
Plötzlich wehte ihm ein frischer Wind um die Nase. Schwalben und Mauersegler
drehten ihre Runden, jagten sich gegenseitig oder versuchten Insekten zu
fangen. Manchmal konnte er auch den Turmfalken erblicken, wie er mit Eleganz
durch die Lüfte flog, und seinen lieblich markerschütternden Schrei hören. Hier
oben fühlte er sich normalerweise so frei, von allen Sorgen befreit und dem
Himmel zum Greifen nah. Doch an jenem Tag war sein Herz bedrückt. Sein Verstand
schien wie benebelt. Er konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.
Langsam und vorsichtig
beugte er sich über die metallene Brüstung. Die Aussicht von dort war
atemberaubend. In der Ferne konnte er leicht den Kienberg erkennen, und wenn er
sich etwas weiter nach rechts drehte, ragte der Turm vom Schloss Biesdorf über
den Bäumen des Parks empor. Bei gutem Wetter, wenn die Sicht glasklar war,
glaubte er dort im Osten sogar bis zur nächst größeren Stadt blicken zu können.
Nachdem nun einige
Minuten vergangen waren, hatte ihn der frische Wind so ausgekühlt, dass er wie
gewöhnlich beschloss, für den Rückweg nach unten die Treppe zu benutzen.
Quietschend öffnete er die andere Glastür, die zum Treppenaufgang führte. Mit
einem Ruck fiel sie hinter ihm zu und er begann, erst jede Stufe einzeln, dann
zwei oder drei Stufen gleichzeitig nehmend, die Treppe hinabzulaufen. Am Ende
eines Absatzes schaffte er mit einem großen Sprung vier oder fünf Stufen auf
einmal. Dieses Spielchen forttreibend gelangte er völlig erschöpft und außer
Atem in die vierte Etage. Mit letzter Kraft riss er die Glastüren auf, lief den
Flur entlang, bog rechts ab und stand vor der Wohnungseingangstür.
Gekonnt zog er den mit
einem Band an seiner Hose befestigten Schlüssel aus der Hosentasche, erwischte
sofort den Passenden, drehte ihn im Türschloss nach rechts und öffnete die Tür.
Die Schuhe zog er auf dem Fußabtreter aus, bevor er mit diesen in der einen
Hand den Eingangsflur betrat und mit der anderen die Tür hinter sich schloss.
Er stellte die Schuhe links neben dem kleinen Schränkchen ab und hängte seine
Jacke auf einen Bügel an der Garderobe. Währenddessen winselte ein kleiner
weißer Hund schwanzwackelnd um ihn herum und freute sich, dass er wieder nach
Hause gekommen war. David kniete sich zu ihm hernieder und streichelte ihm über
sein leicht gelocktes weiches Fell. Daraufhin tanzte das kleine Wollknäuel um
ihn herum und durch seine Beine hindurch. Nach einiger Zeit hatte er sich
beruhigt, und David schickte ihn nach dieser intensiven Begrüßung zurück in
sein Körbchen, dass gleich rechts am Eingang in die Küche stand. Auf der
anderen Seite auf der breiten Holzverkleidung stand ein Vogelkäfig. Darin
zwitscherte quicklebendig und vergnügt ein blauweißer Wellensittich. David ging
an den Kühlschrank und holte sich etwas zu Trinken, um nach dem rasanten
Treppenlauf wieder zu Kräften zu kommen. Auf dem Weg in sein Zimmer, musste er
zuerst durch die Wohnstube und traf dort auf seine Eltern, die ihn sogleich
anschimpften, weil er wieder so spät und völlig verschwitzt nach Hause gekommen
war. David ignorierte sie einfach und gelangte durch den zweiten langen Flur,
links das Schlafzimmer der Eltern, rechts zuerst das Bad und danach die
Wäschekammer passierend, in sein kleines Reich. Seine Mutter hatte während er
abwesend war das Fenster groß aufgerissen, so dass es furchtbar kalt war. Zu
allem Überdruss drang von draußen der Geruch von Zwiebelsuppe hinein. Sofort
schloss David das Fenster und warf dabei noch einen Blick in die Küche, die
sich gleich rechtwinklig an sein Zimmer anschloss. Da kam gerade sein Vater in
die Küche, bemerkte ihn jedoch nicht. David vermutete, dass dieser ekelhafte
Zwiebelgeruch sicherlich von irgendwelchen Untermietern kam. Er riskierte einen
Blick nach unten, konnte den Verursacher jedoch nicht orten. In diesem Moment
liefen ein paar Leute über den Hinterhof, die vom Parkplatz aus durch den
Hintereingang in das Nachbarhochhaus gingen. David kannte sie nicht, hatte sie
vorher noch nie gesehen, was aber auch bei zwei riesigen Hochhäusern, eines mit
einundzwanzig und das, wo er wohnte, mit achtzehn Stockwerken, nicht
verwunderlich erscheint. Pro Etage wohnten acht Familien, so dass etwa
vierhundert Personen in einem Haus lebten, was schon der Einwohnerzahl eines
größeren Dorfes entspricht. Aber es gab auch Menschen, die er recht gut kannte,
so zum Beispiel einige Mitschüler. Ein Mädchen wohnte im selben Haus nur zwei
Etagen tiefer, also in der zweiten. Eine andere Mitschülerin lebte in der
anderen Hälfte des Doppelhochhauses gleich nebenan in der selben Etage. In der
Wohnung darunter wohnte seine Mathelehrerin. Außerdem waren der nette Polizist
von nebenan, seine Russischlehrerin, die rundliche Küchenfrau,
Kindergartenfreunde und viele andere in dem Haus einquartiert.
David hatte das Fenster
geschlossen, zog die Gardine davor und setzte sich an seinen Schreibtisch, der
direkt am Fenster stand, und fing an, noch ein paar Hausaufgaben zu erledigen.
Einige Matheaufgaben musste er noch rechnen, obwohl er sich gar nicht darauf
konzentrieren konnte. Normalerweise hatte er stets viel Spaß daran, an
kniffligen Aufgaben zu knobeln. Doch nicht an diesem Tag. Immer wieder kam ihm
dieses eine Mädchen in den Sinn, das er nicht vergessen konnte. Es war schon
einige Wochen her, seit er sie kennen gelernt hat, und trotzdem war er wieder
aufgeregt, wenn er sie wiedersah. Es war das erste Mal, dass er für ein Mädchen
solche Gefühle entwickelt hatte. Viele unbeantwortete Fragen schossen ihm durch
den Kopf. Wann würde er sie wiedersehen? Heute? Morgen? Würde sie seine Gefühle
erwidern?
In Gedanken versunken
trat seine Mutter in das Zimmer. Er drehte sich erschrocken herum und versuchte
normal zu wirken, um seiner Mutter keinen Hinweis auf seine tatsächlichen
Gefühle zu geben. Sie sagte zu ihm, dass er jetzt baden gehen sollte, denn es
wurde draußen schon bald dunkel. Außerdem roch er auch nicht sehr angenehm.
Ohne Widerrede zog sich David aus und ging dann ins Bad, ließ die Badewanne
halb mit warmem Wasser vollaufen und legte sich dann gemütlich hinein. Nach
einer halben Stunde des Entspannens war das Wasser schon sehr abgekühlt, und
David zog den Stöpsel, so dass das Wasser langsam durch den Abfluss abfließen
konnte. Er trocknete sich ab und zog dann seinen Schlafanzug an. Die Uhr schlug
fast sechs Uhr abends, so dass es Zeit wurde, in die Küche zum Abendessen zu
gehen. Der Tisch war schon fast fertig gedeckt, nur noch Wurst und Butter
fehlten. Das Papprollo wurde an der Balkontür und an den Fenstern
heruntergelassen, um neugierigen Augen den Blick auf diese gemütliche Szenerie
zu verbieten. Dann setzte sich die gesamte Familie an den Tisch während draußen
die Kirchenglocken den Abend einläuteten. Der kleine Hund saß unter dem Tisch
und wartete darauf, dass für ihn ein kleiner Happen Käse abfiel. Hatte er erst
einmal ein Stückchen bekommen, so hoffte er auf weitere Gaben, die jedoch meist
ausblieben. Zu diesem Zeitpunkt kehrte er dann brav in sein Körbchen zurück und
legte sich zufrieden hin, um von dort das abendliche Geschehen zu betrachten.
Von Liebeskummer und
Sehnsüchten geplagt, begab sich David nach dem Abendbrot sofort ins Bett, um an
diesem Abend seinen Gedanken und Erinnerungen freien Lauf lassen zu können. Er
legte sich hin, setzte seinen Kopfhörer auf und hörte noch ein wenig Musik, bis
die Töne leiser wurden, allmählich verschwammen und letztendlich verstummten.
Am nächsten Morgen
wurde er von wärmenden Sonnenstrahlen geweckt. Verschlafen schob er seine Decke
beiseite, richtete sich langsam auf und öffnete vorsichtig die Augen.
Allmählich gewöhnten sie sich an das helle Licht, und er stand auf und zog sich
an. Danach schlürfte er ins Bad, um sich den morgendlichen Schlaf aus den Augen
zu waschen. Nach dem Zähneputzen ging er in die Küche, um Frühstück zu essen
und sich zwei Stullen für den Tag zu schmieren. Eigentlich hätte ihm auch eine
Brotscheibe gereicht, doch seine Eltern bestanden darauf, weil er angeblich so
dünn war wie eine Nudel.
Er streichelte zum
Abschied den kleinen Hund, packte dann seine Schultasche und machte sich kurz
vor halb acht auf den Weg in die Schule. Dazu benutzte er den Treppenaufgang
und ging dann aus dem Hinterausgang hinaus. Der Weg war nicht sehr weit, denn
er musste nur hinter dem Haus einmal rechts abbiegen und dann fünfzig Meter
gerade aus. Schon befand er sich vor dem Eingang zum Schulhof. Es war sehr
still auf dem Hof. Gemütlich schritt er voran in Richtung Schulgebäude. Die
Türen waren schon aufgeschlossen, so dass er ohne weiteres die große schwere
Tür öffnen konnte. Zuerst stand Englisch auf dem Stundenplan. Also musste David
bis nach oben in die vierte Etage, wo sich der Lehrraum für Englisch befand.
Als er bei dem Klassenzimmer ankam, zeigte die Uhr kurz nach halb acht. Die Tür
zu dem Zimmer war noch verschlossen. Der lange Flur der oberen Etage war gänzlich
leer. Wie jeden morgen setzte sich David dann auf den Fußboden vor dem Raum und
erledigte noch die letzten kleinen Hausaufgaben. Er übersetzte noch den letzten
Satz der Englischhausaufgabe, als er Geräusche von der Treppe hörte. Aufmerksam
lauschte er und stellte fest, dass die Person im Moment auf die dritte Etage
zusteuerte. Dann verhallten die Schritte. Also kam immer noch niemand, um den
Raum aufzuschließen. Er beendete den letzten Satz und räumte seine Sachen
wieder in die Tasche. Dann richtete er sich auf und drehte sich zum Fenster um,
so dass er einen guten Blick auf den Schulhof hate, um die kommenden Schüler
und Lehrer zu beobachten.
Nach und nach trafen
vereinzelt die Lehrer ein und dazwischen auch kleine Gruppen von Schülern. Da
erkannte David, dass gerade sein Banknachbar Andre und sein bester Freund
Oliver über den Hof laufen. Andre war ziemlich früh dran, eigentlich sogar viel
zu früh. Normalerweise erschien er immer erst zwei Minuten vor
Unterrichtsbeginn. Vermutlich hatte er Oliver zu Hause abgeholt, weil ihm noch
eine Hausaufgabe gefehlt hatte. Als die beiden oben angekommen waren, begrüßten
sich alle gegenseitig. Wie vermutet, erkundigte sich Andre auch bei David nach
den Mathehausaufgaben. Andre erzählte stolz, dass er die Englischaufgaben schon
habe, nämlich von Oliver, und ihm jetzt nur noch Mathe fehlen würde. Da David
ein hilfsbereiter Junge war und eine freundliche Bitte nie abschlagen konnte,
gewährte er ihm und holte seine Lösungen aus der Mappe. Andre verkroch sich
damit unauffällig in die nächste Ecke und begann eifrig die Lösungen
abzuschreiben.
Währenddessen
unterhielt sich David ein bisschen mit Oliver. Er war besonders an Neuigkeiten
über Claudia interessiert. Alles hatte auf dem Geburtstag von Oliver im Mai
angefangen. Oliver hatte ihn eingeladen, da David sein bester Freund war, und
er hatte natürlich die Einladung mit Freuden angenommen. Oliver hatte auch noch
zwei weitere Freunde eingeladen, einmal Mark, den er noch aus dem Sandkasten
kannte, und Daniel, einen weiteren Mitschüler, mit dem man viel Spaß haben
konnte. An dem gleichen Tag hatte aber auch Olivers Schwester Geburtstag, die
wiederum drei Gäste einladen durfte, allesamt Mädchen. Somit ergab sich mit
Olivers Bruder und seinen Eltern eine Gesellschaft von elf Personen, die an
dieser Geburtstagsfeier teilnahmen. Die Feier fand bei Oliver zu Hause in einer
5-Raum-Wohnung im Elfgeschossner statt.
David machte sich kurz
vor drei auf den zehnminütigen Weg zu Oliver. Er hatte ein Buch als kleines
Geschenk mitgebracht. Als David über den Parkplatz kam, sah er schon in der
achten Etage auf dem Balkon Olivers Eltern stehen, die ihm zuwinkten. David
freute sich, winkte zurück und legte auf den letzten Metern einen Schritt zu.
Er drückte die Klingel und kurz darauf erklang Olivers blecherne Stimme durch
den Lautsprecher. Der Türöffner surrte und David gelangte durch das Treppenhaus
zum Fahrstuhl. Dieser war aber gerade eben losgefahren, so dass er den Knopf
betätigte und dann einen Moment wartete. Währenddessen klackte die
Hauseingangstür erneut und kichernde Stimmen waren zu hören. David kannte die
beiden Mädchen nicht und versuchte, sie nicht zu beobachten. Stille umgab ihn
und die Mädchen tuschelten leise miteinander. Endlich kam der Fahrstuhl. David
öffnete die eine Tür, schob die zweite Tür auf, betrat den Fahrstuhl und
drückte den Knopf für die achte Etage. Die Mädchen taten es ihm gleich,
vergaßen aber wohl das gewünschte Stockwerk zu wählen. Der Fahrstuhl begann
sich knarrend in Bewegung zu setzen. David starrte während der gesamten Fahrt
auf die Anzeige ... zwei ... drei ... vier ... Es kam ihm unendlich vor. Seine
Anspannung wuchs, denn er wollte direkten Augenkontakt vermeiden. Doch dann
geschah es, und er verlor nur einen kurzen Augenblick die Kontrolle. Er blickte
in diese wunderschönen dunklen Augen. Sie glänzten in dem fahlen Licht, das von
der Fahrstuhldecke herabfiel, und es verlieh ihnen einen Ausdruck von Eleganz.
Ihr schulterlanges dunkelbraunes Haar lag weich über ihren Schultern. Sie
erwiderte seinen Blick mit einem zaghaften Lächeln und alle Sorgen waren
vergessen. Da stand sie nun vor ihm, zum Greifen nah, ein wahrhaft göttliches
Geschöpf, doch er stand nur da und bekam keinen Ton heraus. Plötzlich ruckte es
kurz und der Fahrstuhl kam zum stehen. Sie drehte sich um, öffnete die Tür und
schwebte davon. David war in diesem Moment so verwirrt und fassungslos, dass er
fast vergessen hätte, aus dem Fahrstuhl auszusteigen. Wer war dieses Mädchen?
Woher kam sie und wo wollte sie hin?
Auf dem Etagenflur
herrschte beim Eintreffen plötzlich ein mächtiges Durcheinander. Als er auf die
Wohnungstür zuging, stand diese schon offen. David musste feststellen, dass die
beiden Mädchen zum Geburtstag von Olivers Schwester gekommen waren. Die Tür
stand immer noch sperrangelweit offen, so dass er unbemerkt mit hineinschlüpfen
konnte. Er schloss die Tür hinter sich, stellte die Schuhe im Abstellraum ab
und lief den langen Flur entlang zu Olivers Zimmer. Dabei kam er an dem Zimmer
von dessen Schwester vorbei, und lugte kurz hinein. Da sah er sie. Sie war also
tatsächlich eine Freundin von der Schwester seines besten Freundes. Frohen
Mutes ging er weiter bis zum Ende des Ganges und bog dann nach rechts ab.
Oliver saß auf seinem Bett und spielte mit seiner Konsole. Als er David
erblickte, drückte er schnell die Pause-Taste, legte das Gamepad beiseite und
begrüßte ihn. Daraufhin beglückwünschte David ihn und überreichte ihm das
Geschenk. Oliver zögerte keinen Augenblick und fetzte die Verpackung mit
Spannung auf. Freudestrahlend hielt er ein Buch in der Hand. Es war ein Krimi.
Er nahm das Buch und legte es zu den anderen Geschenken. Danach wandte er sich
wieder seinem Spiel zu, nahm das Gamepad in die Hand und daddelte weiter. David
setzte sich neben ihm aufs Bett und sah ihm dabei gespannt zu.
Nach und nach trafen
immer mehr Leute ein, und als alle vollzählig waren, war der Kaffeetisch in der
Küche schon vorbereitet. Olivers Mutter lief in jedes Zimmer und rief die Gäste
in die Küche. Die Mädchen waren zuerst dort und konnten sich somit die besten
Plätze sichern. David setzte sich neben Oliver. Ganz am anderen Ende saß dieses
Mädchen. Sie unterhielt sich angeregt mit ihren Freundinnen. Ab und zu blickte
David zu ihr herüber, und manchmal, wenn sie seinen Blick erwiderte, schaute er
schnell zur Seite und lief im Gesicht rot an. So verlief es dann auch den
ganzen Abend. Einerseits wollte er ihr stundenlang in ihre tiefen dunklen Augen
blicken, andererseits war er viel zu schüchtern, um ihr standzuhalten.
David wurde aus seinen
Erinnerungen gerissen, als endlich die Tür zum Klassenzimmer aufgeschlossen
wurde. Andre hatte inzwischen die Aufgaben abgeschrieben, gab ihm beim Betreten
des Raumes seinen Hefter zurück und bedankte sich noch einmal kurz. Mit der
Zeit trafen auch die anderen Mitschüler ein und das Klassenzimmer füllte sich.
Es klingelte bald zum Unterricht, doch die Zeit verging nur schleppend.
Verträumt und abwesend ließ er die Stunden an sich vorüberziehen. Er war in
Gedanken immer bei ihr und konnte sich auf keine anderen Aufgaben
konzentrieren. Der Nachmittag rückte glücklicherweise immer näher, und damit
wuchs seine Hoffnung, sie heute wiederzusehen.
Da klingelte es
endlich. Die letzte Schulstunde war vorbei. David packte eilig seine Sachen
zusammen, verabredete sich mit Oliver in einer Stunde bei ihm und verließ das
Gebäude schleunigst. Nach drei Minuten war er schon wieder zu Hause. Seine
Mutter bereitete gerade das Mittagessen vor. Der Tisch war schon gedeckt. Sie
sagte ihm, dass es nur noch eine viertel Stunde dauern wird.
David ging in sein
Zimmer und schaltete das Radio ein. Dann ließ er sich auf sein Bett fallen, und
lauschte der entspannenden Musik. In Gedanken war er wieder ganz weit weg. So
kam es, das er die Zeit vergaß und plötzlich seine Mutter im Zimmer stand. Aus
seinen Träumen gerissen, musste er feststellen, dass inzwischen über zwanzig
Minuten vergangen waren. Noch halb in Gedanken schaltete er das Radio aus und
ging in die Küche. Es war schon aufgetischt, und er setzte sich auf seinen
Platz. Hastig schlang er sein Essen hinunter und machte sich darauf gleich mit
Tischtenniskelle und Ball auf den Weg zu Oliver.
Oliver war allein zu
Hause und wartete schon auf ihn. Jeder mit seiner Tischkelle in der Hand
machten sie sich auf den Weg zum Innenhof. Dort befand sich ein Spielplatz mit
Sandkasten, Rutsche, Klettergerüst und einer Pyramide aus Seilen, die auch zum
Klettern gedacht war. Das Ziel der beiden waren aber die zwei
Tischtennisplatten, die sich auch dort befanden. Noch waren die Platten leer.
Also wählten sie eine Platte aus und begannen sich ein wenig einzuspielen. Sie
spielten gerade ein kurzes Match, als weitere Mitspieler mit ihren
Tischtenniskellen eintrafen. Der ältere chinesische Herr, der bei gutem Wetter
immer erscheint, war auch schon da. Da es nun so viele Mitspieler waren, wurde
nicht mehr einer gegen einen, sondern chinesisch gespielt. Das bedeutete, dass
zu Beginn einer Runde alle mitspielen durften. Alle Mitspieler liefen dabei um
die Tischtennisplatte herum. Wenn dann jemand den Ball verfehlte oder ins Aus
schlug, so musste derjenige ausscheiden. Das wurde solange fortgesetzt, bis nur
noch zwei Spieler übrig waren, die dann in einem Match gegeneinander antreten
mussten und um einen Spielpunkt kämpften. Hatte einer von den beiden gepunktet,
so durften wieder alle mitspielen und die nächste Runde begann von Neuem.
Der alte Chinese war
wirklich gut und hatte gerade David, der nicht ganz bei der Sache war, mit
einem Schmetterball rausgeworfen. Das Spiel ging ohne ihn weiter. David hielt
seine Augen offen, da er noch auf Claudia wartete, dieses zauberhafte Mädchen
von der Geburtstagsfeier. Sie würde bestimmt wieder mit Olivers Schwester
kommen. Die nächste Runde fing an, da erblickte er die beiden in der Ferne auf
die Tischtennisplatten zukommen. Innerlich erfreut und aufgeregt versuchte
David sich auf das Spiel zu konzentrieren, verlor aber beim ersten Schlag den
Ball und war somit schon wieder draußen. Er setzte sich auf die zweite
Tischtennisplatte und schaute von dort den anderen zu, wobei sein Augenmerk nur
der sich nähernden Claudia galt.
In diesem Moment
erreichten die beiden Mädchen seine Tischtennisplatte und setzen sich neben
ihn. Olivers Schwester sprach ihn an, und versuchte ihn in ein Gespräch zu
verwickeln, doch er antwortete nur mit Nicken oder Kopfschütteln. Claudia
lächelte zu ihm herüber und er schmolz dahin. Er wollte sich mit ihr
unterhalten, war aber zu verkrampft und bekam kein Wort heraus. Er war so
fasziniert von ihrer Schönheit und Vollkommenheit. Diese wahrhaft glänzend
leuchtenden Augen hatten es ihm angetan. Von ihrer zarten Haut und dem dunklen
Haar kaum zu sprechen. Vollkommen abwesend in einer anderen Dimension klopfte
ihm jemand die Schulter. Es war Oliver, der ihn mit zur nächsten Runde aufforderte.
Dessen Schwester und Claudia spielten nun auch mit. Stetig bemüht, einmal mit
Claudia um den Punkt zu kämpfen, versuchte David sich gegen die anderen
Mitspieler durchzusetzen. Und siehe da, es gelang ihm eine gute Angabe und er
konnte den alten Chinesen rauswerfen. Dieser lobte ihn sogar, wegen der
wirklich guten Angabe. Dadurch angespornt, schaffte es David tatsächlich unter
die letzten drei. Oliver und Claudia waren auch noch dabei. Einerseits wollte
David so gern gegen Claudia spielen, andererseits würde er auch Oliver den
Punkt gönnen, da er bisher nur Vorletzter war. David konnte sich nicht
entscheiden und überließ diese Wahl dem Schicksal. Er spielte keine gemeinen
Bälle, so dass jeder von den beiden eine gute Chance hatte, um diesen Punkt zu
spielen. Oliver hatte die Angabe gemacht und nun rannten die drei eifrig um die
Platte herum. Es schien so, als würde es nie enden wollen. Doch da passierte
Oliver ein Ungeschick. Er verlor im Eifer des Gefechts seine Tischtenniskelle
und der Ball ging verloren. Nun hatte David es tatsächlich geschafft und durfte
gegen Claudia antreten. Da beide punktgleich waren, wurde zuerst um die Angabe
gespielt. Ein kurzer Ballwechsel und David hatte die Angabe gewonnen. Nun ging
es um den entscheidenden Punkt. David legte eine normale Angabe hin, die
Claudia mit Leichtigkeit erwidern konnte. Es kam zu einigen Ballwechseln, bis
David dann den Ball so schlug, dass er in hohem Bogen auf der anderen
Plattenseite aufkam. Für Claudia war das die Chance, einen Schmetterball zu
schlagen, und sie nutzte sie. David hatte keine Möglichkeit, den Ball noch zu
bekommen. Er war keineswegs enttäuscht darüber. Claudia fragte ihn daraufhin,
ob er das mit Absicht getan hätte, doch er entgegnete ihr mit einem zaghaften
Lächeln voll Dankbarkeit. Es war für ihn ein unbeschreibliches Gefühl mit
Tausenden Schmetterlingen im Bauch, und das Eis schien gebrochen.
Nach dem Spielen
kletterten Oliver, seine Schwester, Claudia und David auf die Pyramide aus
Seilen, um sich ein wenig auszuruhen. Sie setzten sich dort oben hin und
unterhielten sich. Sogar David brachte kleine Wortwechsel mit Claudia zustande.
Die Sonne verschwand langsam hinter den großen Neubauten und tauchte die
Szenerie in ein weiches rötliches Licht. David schwelgte in dieser romantischen
Stimmung und war glücklich. Er hatte es geschafft. Sie saß ihm gegenüber und
sah ihm ab und zu in die Augen. So verweilten sie einige Augenblicke, bis es
anfing dunkel zu werden. Da machte sich David auf den Heimweg, verabschiedete
sich mit einem Lächeln, in der Hoffnung, sie bald wiederzusehen.
So vergingen die Tage und die Wochen. Er traf sie noch mehrmals
beim Tischtennis. Manchmal wartete er auf sie, oder beobachtete sie unbemerkt
von oben aus dem neunten Stock in Olivers Haus. Selbst beim Einkaufen, in der
Apotheke oder in der Bibliothek begegnete er ihr immer wieder, und jedes Mal
faszinierte sie ihn aufs Neue.
Sie hatte ihn in ihren
Bann gezogen, doch er konnte ihr seine Liebe nicht offen zeigen. Befürchtete er
doch von ihr abgewiesen zu werden. So quälte er sich monatelang mit dem
Gedanken, sie endlich zu fragen, konnte jedoch weder den richtigen Moment, noch
die richtigen Worte dazu finden. Bis er eines Tages auf eine raffinierte Idee
kam.
Es war an einem
Wochenende. Der Frühling war gekommen und die Pflanzen und Bäume erstrahlten in
zartem Grün. Er spazierte zum Springpfuhl, um dort die Natur zu genießen. Der
Springpfuhl war ein kleiner Teich im Süden von Marzahn, sehr idyllisch gelegen,
umrandet von Bäumen und Sträuchern sowie einem kleinen Park. Er steuerte auf
die Holzbrücke zu, die an einer schmalen Stelle über den Teich führte. Von der
Brücke aus beobachtete er die Fische und Enten, die darunter hindurch
schwammen. Das Ufer war reichlich grün und wurde von einzelnen blühenden
Krokussen in den unterschiedlichsten Farben gesäumt. Dazwischen konnte man,
wenn man aufmerksam hinblickte, Frösche entdecken, die wild durcheinander
quakten. Sogar einige Möwen drehten ihre Runden und landeten dann auf der
kleinen Insel mit dem großen Baum, um dort zu verschnaufen.
Durch die Ruhe und
Ausgeglichenheit dieses kleinen Biotops inspiriert, kam David der Einfall, dass
er ihr ein Gedicht schreiben sollte, ein Gedicht, das nur ihr gewidmet war, um
ihr zu zeigen wie sehr er sie doch mochte, ja sogar liebte.
Er fand einen
geeigneten Platz am Ufer des Springpfuhls, geschützt unter einer Trauerweide.
Er setzte sich dort hin und ließ seine Beine über den Uferrand baumeln. Dann
zog er Zettel und Bleistift aus seiner Jackentasche und begann das
Liebesgedicht an Claudia zu schreiben. Er gab dem Gedicht schlicht und einfach
den Titel „Sie“. Sie, die ihm alle Sinne geraubt hatte. Sie, die ihm nicht mehr
aus dem Schädel ging. Sie, die so vollkommen und wunderschön war.
Das Liebesgedicht wuchs
Strophe um Strophe, bis es zum Schluss aus sechs Strophen zu je sechs Zeilen
bestand. David las sich das vollendete Werk noch einmal durch und war mit
seinem Erschaffenen sehr zufrieden. Es spiegelte exakt seine Gefühle für sie
wieder. Um das Gedicht abzurunden, schrieb er dazu noch einen kleinen Brief,
steckte Beides in einen Briefumschlag und klebte ihn zu.
Nun musste er ihr nur
noch irgendwie den Brief übergeben. Weil er nicht wusste, in welcher Straße und
welchem Haus sie wohnte, konnte er ihr den Liebesbrief nicht per Post zusenden.
Er wollte ihr den Brief auch lieber nicht persönlich übergeben, denn er wusste
nicht, wie sie reagieren würde.
So kam es, dass er den
Brief an seinen besten Freund Oliver weitergab. Der übergab den Brief seiner
Schwester, die wiederum den Brief an Claudia weiterleitete.
Wenige Tage später kam
eine Nachricht über selbem Wege zurück. David war immerhin froh, dass er eine
Antwort bekommen hatte. Aufgeregt hielt er den Brief in den Händen. Mit
zittrigen Fingern riss er ihn auf, faltete das Blatt auseinander und las.
Mit jedem Satz, den er
las, schwand seine Hoffnung. Das Gedicht hatte ihr wirklich gefallen. Sie fand
es sogar lustig, und die Idee mit dem Liebesbrief war echt süß, aber leider
wollte sie nichts von ihm wissen. Traurig und enttäuscht stand er da, den
Tränen nahe. Nun hatte er die Gewissheit, dass sie sich für ihn nicht
interessierte. Es vergingen Wochen, gewiss sogar Monate, in denen er Tausende
Tränen in einsamen Stunden vergoss, bis der Schmerz allmählich nachließ.
Seit jenem Tag in
seinem Leben wusste er, dass Liebe und Leid nah beieinander liegen.
Viele Jahre vergingen
und vieles änderte sich. David zog mit seiner Familie aus dem Hochhaus aus,
blieb aber seinem Heimatbezirk Marzahn treu. Auch Claudia verschwand irgendwann
vollständig aus seinem Leben, und er hatte nie mehr etwas von ihr gehört,
geschweige denn gesehen. Auch im Bezirk vollzogen sich Veränderungen. Das
Hochhaus wurde abgerissen. Ein Stück Jugend ging damit verloren, und vieles geriet
in Vergessenheit. Nur Eines nicht – die Erinnerung an seine erste große Liebe.
[Veröffentlichung in der Anthologie "Verliebt in Berlin" bei BOD]