| pinolino » blog » Prosa |
|
26.10.2006 12:39
Neustart
Die Neonbeleuchtung des Hausflures war kühl. Das Licht flackerte hin und wieder auf, als würde es sich dagegen aufzubäumen versuchen, endgültig seinen Geist aufzugeben. Surrende und klickende Geräusche, die dem Knacken der Knochen eines alten Mannes gleich kamen, hallten von den flachen Wänden wider.
Ich kramte in meiner Tasche nach dem Schlüssel, und versuchte ihn mit Mühe in das Schlüsselloch einzuführen. Die schwere Tür öffnete sich, während ein Schatten durch das Zimmer huschte. Ich betrat meine Wohnung und Enge umklammerte mein Herz. So viele Erinnerungen lebten in diesen vier Wänden, dass es mir schier die Luft zum Atmen raubte. Schwindelkeit stieg in mir auf. Meine linke Hand krallte sich an den Spiegel, um Halt zu finden. Ich sagte zu mir, so könne es nicht weiter gehen! Ich müsse etwas Grundlegendes in meinem Leben verändern! Im Wohnzimmer standen meine wenigen Habseligkeiten in Kisten verpackt. Innerhalb der letzten Wochen hatte sich darauf eine dicke Staubschicht gebildet. Auf dem Fußboden verstreut lagen Zeitungen. In allen hatte ich die Kontaktanzeigen ausführlich studiert und Unmengen an Briefen geschrieben. Ich hatte jede, die von mir Post bekam, mit einem Rotstift markiert. Es waren etliche, ich vermochte sie kaum zu zählen. Doch die Zeitungen vergilbten langsam im gleißenden Sonnenlicht. Die Farben verblassten. Die Konturen verschwammen. Ich sagte zu mir, es wäre endlich die Zeit gekommen, wieder Ordnung in mein Leben zu bringen!
Der Lichtschalter zur Küche war klebrig und ließ mich für mehrere Sekunden an diesem Fleck verharren, bis sich meine Katze bemerkbar machte, indem sie ihre Schüssel umwarf. Zeit fürs Essen. Ich sagte zu mir, ich müsse ganz von vorn beginnen. Neue Freunde. Ein komplett neuer Anfang!
Ein Vogel kreiste vor dem Fenster. Die Katze schlich über das Fensterbrett und ging in Angriffsstellung. Sie streckte ihre Pfote aus, um dem Vogel im Vorbeiflug einen Schlag zu verpassen. Sie stellte sich dabei so ungeschickt an, dass ich schon sah, wie sie in die Tiefe herab stürzen würde. Einundzwanzig Stockwerke. Eine grausame Vorstellung. Ich sagte zu mir, jetzt oder nie!
Die Autos, die Menschen, die Bäume wuchsen zunehmend. Ich drehte mich im Kreis. Oben war unten und unten war oben. Lärm und Getöse schwallte mir entgegen. Es dröhnte und hämmerte in mein Hirn.
0 kommentare 0 trackbacks
|
||
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
| » | Unbefriedigt |
| » | Reise |
| » | Laura |
| » | Neustart |
| » | Prinzessin |
| » | Alle |
| » | Philipp |
| » | Jugendliebe |
| » | Insel |
| » | Liebe |
| » | Zauberer |
| » | Ball |